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Versbuch

Unser tägliches Brot

Rudolf Lavant · 18441915

49 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1891

Ich wand’re gern durch feuchtes Halmgeschwanke,Wenn nah und ferne Lerchenjubel klingt,Wenn über Laub und blühendes GerankeEin Falter sich im Morgenstrahle schwingt,Und seines Pfluges Schar, die arbeitblanke,Der Landmann rüstig durch den Boden zwingt,Um auf des Ackers ausgeruhten BreitenEin wohlig Bett dem Samen zu bereiten.

Ich wand’re gern das Erntefeld hinunter,Wenn früh der Schnitter seine Arme regtUnd diesen Wald von braunen Aehren munterIn schweren Schwaden sich zu Füßen legt,Wenn Abends über’m Scheuerthor ein bunter,Kunstloser Kranz im Winde sich bewegt,Und weit und breit die schwer belad’nen WagenDie Ernte schwankend nach den Höfen tragen.

Ich seh‘ im Geist auf jedem solcher Gänge,Die Vogellied und Blumenduft mir würzt,Ein freundliches, ein hastiges GedrängeVon schlichten Bildern, daß die Stunde kürzt.Schon wenn der Plug das Feld in seiner LängeDurchfurcht und spielend seine Krume stürzt,Seh‘ ich, beladen mit der Ernte Gaben,Den Esel langsam nach der Mühle traben.

Und wenn der Same niederrauscht zum Grunde,Indeß die Spreu in alle Winde stiebt,Seh‘ ich den Ofen schon mit heißem Munde,In den der Bäcker seine Brote schiebt,Damit er sie nach einer schwülen StundeGebräunt und duftig alle wiedergiebt,Und zu des Tages mannigfachen WerkenDie Schaffenden und Hungrigen sie stärken.

Und wenn die Garbe sinkt vom raschen Schnitte,Indeß am Himmel fahles Zucken loht,Seh‘ ich im Geist in eines Stübchens MitteDie Kinderschaar bei ihrem Vesperbrot.Wie klagen sie mit hoffnungsvoller BitteDer treuen Mutter ihre kleine Noth,Um dann von ihr mit freuderothen WangenDas „liebe“ Brot, das trock’ne zu empfangen!

Im Wetterscheine, wie in RegengüssenMuß so ich träumen, wie im Abendroth;Es giebt so viele, die da hungern müssen,Und eine ernste Sache ist’s um’s Brot!Nehmt uns das Brot, so beugt mit kalten KüssenSich über alles Lebende der Tod,Und aus dem Garten würde bald auf ErdenEin weiter Friedhof für die Armen werden.R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1891
Digitalisat
de.wikisource.org — „Unser tägliches Brot (Lavant)“, Fassung 3.154.502 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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