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Versbuch

Sommer 1898

Frank Wedekind · 18641918

55 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Ich, der alte Ahasver,Habe große Eile,Zu verscheuchen wünscht’ ich sehrEwig lange Weile:Lenke wieder meine Bahn,Endlos mir beschieden,Nach dem alten Kanaan,Das ich lang gemieden.

Mir ist in der Ferne die Kunde geworden,Es käme gezogen ein Herrscher von Norden,Da setzt es vielleicht auch für mich einen Orden.

Rückwärts schweift mein Auge matt,Reuevoll umdustert,Nach der alten Judenstadt,Drin ich einst geschustert,Derart, daß mich heute nochGottes Welt verachtet,Weil ich nicht den Braten roch,Eh’ das Lamm geschlachtet!

Wär’ Jener gekommen, wie Dieser kommt heute,Mit stolzem Gepränge und großem Geleite,Ich wäre moralisch gegangen nicht Pleite!

Jener ritt die Eselin,Dieser den Trakhener,Ehr’ und Glück trägt Dieser hinUnd sein Leben Jener.Durch der Rede reiches WortEinzig sind die Beiden,Und ihr Ziehn von Ort zu OrtNicht zu unterscheiden.

Was aber hilft tief mir im Busen die Reue!Versagt’ ich denn jemals dem Herrscher die Treue?! –Am Ende ereilt mich mein Unglück aufs neue!

Kam doch auch zu jener ZeitUnter KriegerscharenIn verbrämtem PurpurkleidEiner angefahren! – –Wenn der Andre nun auch jetztBeim ErlöserwerkeSich vor meine Türe setzt,Ohne daß ich’s merke?!

Von ihm stand kein Wort in der Zeitung geschriebenIch hätt’ ihn ja sonst von der Bank nicht vertrieben!Und darin ist alles beim alten geblieben. –

Ja, wir Menschen stolpern blindDurch des Lebens Enge.Oft ist leer wie Schall und WindGrößtes Festgepränge.Irrt man ehrfurchtsvollen Blicks,Ehr’ und Macht zu suchen,Kommt der Mächt’ge hinterrücks,Einen zu verfluchen! –

Es wechseln nicht nur an der Börse die Größen! –Nichts bleibt uns, inmitten von Püffen und Stößen,Als ununterbrochen das Haupt zu entblößen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Sommer 1898“, Fassung 3.779.598 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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