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Versbuch

Unser Weihnachtsbaum

Rudolf Lavant · 18441915

48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1965

Von tausend Kerzen flammt der Weihnachtsbaum,Von dem man ewig singen wird und sagen,Denn in Erfüllung ging der kühnste Traum,Den voller Hoffnung wir in uns getragen.In Rußland barst der Turm der Tyrannei,Die auf die Köpfe trat und auf die Herzen;Mit einem Zauberschlag ward Rußland freiUnd rang sich froh empor aus Schmach und Schmerzen.

In buntem Schimmer blitzt der Weihnachtsbaum,Es strahlt aus dem Gezweig in allen Farben;Die Freiheit schuf im Zarenreich sich Raum,Wieviel der Treusten auch im Kampfe starben.Durch alle Gauen hallt der Racheschrei,Zu Donnerschlägen ward das dumpfe Grollen;Gebrochen ist das Eis der Tyrannei,Geborsten treibt es hin in morschen Schollen.

In Rußland steht der Völker Weihnachtsbaum,Der der entrechteten, enterbten Klassen!Dort hielt man noch mit einer Hand im ZaumDie murrenden, die unbequemen Massen.Dort trug voll Inbrunst man das Sklavenjoch,Es herrschte dort, im kaiserlichen Norden,Die gottgewollte, heil’ge Ordnung noch,Die längst im Westen schadhaft war geworden.

Wir nennen’s jubelnd unsern Weihnachtsbaum,Daß dieser Trost der Herrschenden zerronnen,Daß sich erwies als Spinngewebe kaum,Was scheinbar man aus Stahl und Erz gesponnen,Und daß des Gottesgnadentumes Hort,Den man als unerschütterlich gepriesen,Als ein Phantom, als leeres, eitles Wort,Als lächerlicher Popanz sich erwiesen.

Wir schwörten freudig unterm Weihnachtsbaum,Was wir voll kühnen Hoffens oft geschworen,Wird doch aus dieser Völkerbrandung SchaumDie Freiheit uns, die göttliche, geboren.Europa steht, von Schauern tief durchbebt,Zum zweitenmal vor einer Weltenwende,Denn was in diesen Tagen wir durchlebt,Kann nur der Anfang sein vom großen Ende.

Und tröstend sendet dieser WeihnachtsbaumDen milden Schimmer seiner tausend KerzenBis an des fernsten Südmeers blauen SaumIn der Enterbten kummervolle Herzen.Der Hoffnung Adler schwingen sich vom Nest,Sobald die ersten Weihnachtsglocken klangen:Das Volk der Arbeit hat ein Weihnachtsfest,Wie wir es heut begeh’n, noch nie begangen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
Digitalisat
de.wikisource.org — „Unser Weihnachtsbaum“, Fassung 3.492.511 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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