Sylvesternacht
Rudolf Lavant · 1844–1915
49 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1890
In übermüth’ger Zecher KreiseDes Jahres Wechsel zu begehn,Es war noch niemals meine Weise –Es soll auch heute nicht geschehn!Das jauchzt und lärmt auf allen Gassen,Ich sitze einsam und alleinUnd blicke sinnend und gelassenIn׳s Römerglas voll Ungarwein.
Ich schaue Bilder und GestaltenIn meiner wachen Träumerei.Schwarz das Gewand und schwer die Falten,So schreiten diese still vorbei,Und jene huschen mit FrohlockenDahin und grüßen mit der Hand;Im Haare HyazinthenglockenUnd um die Stirn ein rosig Band.
Ich habe schwer und viel gelitten,Es zuckte oft der bleiche Mund;Ich habe heiß und wild gestrittenUnd war zum Tode matt und wund.Ich habe Herrlichstes genossenIn dieser kurzen Spanne Zeit,Und meine Thränen sind geflossenIm Uebermaß der Seligkeit.
Vorbei, verklungen und versunken!Ihr weckt mir weder Furcht noch Reu.Von Kampflust und von Liebe trunken —Mir selber blieb ich immer treu.Und wie das Schicksal auch gewaltetWie auch umflort mein lichter Stern —In Lust und Weh hat sich entfaltetZur Blüte meines Wesens Kern.
So geh ich denn mit stillem MutheEntgegen dir, du neues Jahr,Zu Jauchzen, zu Tumult im Blute,Zu Kussesschauern und Gefahr.Es schmücke sich der Lenz mit Rosen,Es flamme fahler Wetterschein,Es fasse mich der Stürme Tosen —Ich weiß, es wird zu tragen sein.
Bewußt und klar in Haß und Liebe,Gesund und frisch in Herz und Hirn,Den Stahl entblößt zum scharfen Hiebe,So biet ich Allem kühn die Stirn.Die schweren Glockenschläge hallen . . .Du Jahr, das ich herangewacht,Dir sei auf Siegen oder FallenMein voller Römer dargebracht.
R. Lavant.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Friedrich Geissler (E. Trachbrodt), Leipzig, 1890
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sylvesternacht (Rudolf Lavant)“, Fassung 3.577.915 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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