Zum Inhalt springen
Versbuch

Brigitte B.

Frank Wedekind · 18641918

52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Ein junges Mädchen kam nach Baden,Brigitte B. war sie genannt,Fand Stellung dort in einem Laden,Wo sie gut angeschrieben stand.

Die Dame, schon ein wenig älter,War dem Geschäfte zugetan,Der Herr ein höherer AngestellterDer königlichen Eisenbahn.

Die Dame sagt nun eines Tages,Wie man zu Nacht gegessen hat:Nimm dies Paket, mein Kind, und trag esZu der Baronin vor der Stadt.

Auf diesem Wege traf BrigitteJedoch ein Individium,Das hat an sie nur eine Bitte,Wenn nicht, dann bringe er sich um.

Brigitte, völlig unerfahren,Gab sich ihm mehr aus Mitleid hin.Drauf ging er fort mit ihren WarenUnd ließ sie in der Lage drin.

Sie konnt’ es anfangs gar nicht fassen,Dann lief sie heulend und gestand,Daß sie sich hat verführen lassen,Was die Madam begreiflich fand.

Daß aber dabei die TurnüreFür die Baronin vor der StadtGestohlen worden sei, das schnüreDas Herz ihr ab, sie hab’ sie satt.

Brigitte warf sich vor ihr nieder,Sie sei gewiß nicht mehr so dumm;Den Abend aber schlief sie wiederBei ihrem Individium.

Und als die Herrschaft dann um PfingstenAusflog mit dem Gesangverein,Lud sie ihn ohne die geringstenBedenken abends zu sich ein.

Sofort ließ er sich alles zeigen,Den Schreibtisch und den Kassenschrank,Macht die Papiere sich zu eigenUnd zollt ihr nicht mal mehr den Dank.

Brigitte, als sie nun gesehen,Was ihr Geliebter angericht’,Entwich auf unhörbaren ZehenDem Ehepaar aus dem Gesicht.

Vorgestern hat man sie gefangen,Es läßt sich nicht erzählen wo;Dem Jüngling, der die Tat begangen,Dem ging es gestern ebenso.

Ach Gott! Mein Gott!Dideldideldumda, dideldideldumdaDideldideldumda, dideldideldumdaDum dum da!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Brigitte B.“, Fassung 3.779.267 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Frank Wedekind

Alle Gedichte von Frank Wedekind ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.