Die Tropfsteinhöhle bei Attendorn
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
48 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1909
Im Süderlande, nah’ bei Attendorn,Im Tal der Bigge, liegt die Attahöhle –Ein prächtiges Gebild, bei meiner Seele,Geschüttet aus der Erde Wunderhorn. –
Gehst du hinein, so weiß dein Auge nicht,Wohin zuerst es seinen Blick soll richten –Und bist du Dichter nicht, hier lernst du dichten,Denn diese Höhle selbst ist ein Gedicht. –
Fürwahr, fürwahr, sie ist ein Feenschloß,Bewohnt von Luftgestalten (Nixen, Gnomen),Die um dich her in den kristall’nen DomenIhr Wesen treiben mit dem Luftgenoß. –
Dein Menschenauge aber ist profanUnd kann die Unsichtbaren nicht erschauen –Du siehst die Grotten nur, die grünen, blauen,Und wandelst staunend fürder deine Bahn. –
Geht es von Halle doch zu Halle fort,Auf leichten Stiegen, zu den KemenatenDer Fürstin Atta, funkelnd von Zieraten,So köstlich wie der Nibelungenhort. –
Es glitzt und blitzt in märchenhafter Pracht,Es glüht und strahlt in allen Lichtakkorden –Und Tropfen sind’s, die hier zu Stein gewordenIn tausendjähr’ger, grabesdunkler Nacht. –
Und Form und Farbe immer wieder neu –Von oben nieder hängen Stalaktiten,Von unten aufwärts streben Stalagmiten,Zum Ganzen passend wunderbar getreu. –
Bizarr und seltsam wie der Säulenbau,Von dem die lichten Kuppeln sind getragen,Ist auch das Tönen, wenn daran geschlagen,Verlor’ner Hall und Melodientau. –
Hier Faltenwurf von prächtigen GardinenMit bunten Säumen in den Webestoffen,Dort stehen Alabasterhallen offen,Durchleuchtet von Smaragden und Rubinen. –
Wo du auch schaust – der Prächten sind zu viel –Von allen Seiten will es dich umraunen –Das Auge kann bewundern nur und staunen,So wechselvoll ist der Gebilde Spiel. –
Wer ist der Künstler, der dies Heiligtum,Dies Wunderwerk an Schönheit hat geschaffen, –Dess’ Pulse nie erlahmen, nie erschlaffen? –Natur, Natur, nur dir gebührt der Ruhm. –
Ihr aber, Freunde, zieht nach AttendornIns Süderland, wo solche Wunder sprießen,Die Märchenwelt wird sich euch dort erschließen,Zieht hin, zieht hin und trinkt vom Schönheitsborn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 74-76, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Tropfsteinhöhle bei Attendorn (Kämpchen)“, Fassung 4.635.372 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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