Ostern
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
36 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1909
Ich mache meinen Ostergang,In freier Luft, am Bergeshang,Fernab vom Menschentreiben.Der lauten Stadt bin ich entfloh’n,Der Tageslast, der Wochenfron, –Allein will ich verbleiben. –
Allein – und doch welch’ trüber Hall,Wie fernverlor’ner Klageschall,Will jach mein Ohr umtönen.Von allen Seiten dringt er her,Vermischt mit Seufzern tief und schwer,Mit Jammerlaut und Stöhnen. –
Und in der reinen OsterluftSpür’ ich den moderschwülen Duft,Wie er das Grab umwittert.Aus tausend Grüften schwelt der Hauch,Aus tausend Klüften, sind sie auchVerschlossen und umgittert. –
Und jetzt versteh’ ich auch den Klang,so sterbetraurig und so bang’,Von dem mein Ohr umhallet.Es ist der Massenschrei der Not,Der Hörigkeit nach Dach und Brot,Der aus der Tiefe schallet. –
Der Schrei nach Freiheit, Luft und Licht,Der fern aus Schacht und Stollen bricht,Aus Werkstatt und Fabriken.Er steigt herauf wie düst’re Flut,Er schwillt von Elend, Brand und BlutUnd stetigem Bedrücken. –
Heloten, Fröner – Osterluft,Ihr wittert sie in Qualm und Gruft,Und spürt den Geist des Maien. –Er kommt, er kommt – doch helft auch ihrAufsprengen mit die Grabestür,Helft mit, euch zu befreien. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 20-21, Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ostern (Kämpchen)“, Fassung 1.103.900 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.