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Versbuch

Jaurès

Rudolf Lavant · 18441915

49 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 05. August 1914

So sollte also nichts erspart ihm bleiben,Dem narbenreichen, tapfern vierten Stand,In dieser Tage wirrem, ungestümem TreibenUnd bei des hohen Friedenstempels Brand,Und gerade er, der mit der Rede GabenVielleicht die Wetterwolken noch zerteilt,Ihn mußte man mit feuchtem Blick begraben,Als ihn der Tod durch Mörderhand ereilt!

Gerade ihm, der unverzagt gestrittenFür die Versöhnung nach verjährtem Streit,Ward jäher der Lebensfaden durchschnitten,Als zum Entscheidungskampfe er bereit;Gerade da, als er im UeberwallenDer edlen Seele, leidenschaftdurchloht,Gesammelt sich, um in den Arm zu fallenDem Brudermorde und der Völker Not.

Er hörte schon für sie die Raben kreischen,Die ihr zur Schlachtbank finstern Sinnes triebt —Es sollten nicht im Wahnsinn sich zerfleischenDie beiden Völker, die er gleich geliebt.Im voraus schon fühlt‘ er sein Herz zerrissen,Wenn er den Frevel schaudernd überdacht,Und Kampf entbot sein Geist und sein GewissenDem Völkerhasse und der Niedertracht.

Es hing so viel an dieses Einen Leben,Das sich verzehrt im Dienst des Friedensbaus,Und als die Tücke ihm den Tod gegeben,Brach nicht blos Frankreich in ein Schluchzen aus.Als sich auf seinen Mund gelegt das Schweigen,Der an ein hehres Ideal geglaubt,Da mußte sich in scheuer Ehrfurcht neigenIn allen Landen auch der Gegner Haupt.

Und darum ist er nicht umsonst gestorben,Da in die fernsten Zeiten er gesehn;Er hat bei uns das Bürgerrecht erworben,Und niemals kann er uns verloren gehn.Wenn Deutschland einst und Frankreich sich verbündenUnd wenn die Burg des Hasses niederbricht,Wird sich an diesem Märtyrer entzündenEin zukunftsichres, segensreiches Licht.

Wenn einst der ganze wüste Spuk verflogen,Der blutgetränkte Wege uns geführt,So hat im Geist des Toten sich vollzogen,Lang vor der Zeit, was ewge Flammen schürt.Es muß ja sein, wird fortgestreut der Same,Der von des Zwistes Taumelkörnern rein —Bis zu dem Tage wird sein edler NameAuch unser Leitstern durch die Nächte sein.R. L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Leipziger Volkszeitung, Leipzig, 05. August 1914
Digitalisat
de.wikisource.org — „Jaurès“, Fassung 4.600.370 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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