Zum Inhalt springen
Versbuch

Kontraste

Rudolf Lavant · 18441915

47 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1965

In dichtem Nebel tappt sich die KolonneDer Tommies vorwärts in verdroßnem Schweigen;Will sich an diesem Tage denn die SonneNoch nicht einmal für Augenblicke zeigen?Da plötzlich blitzt's und kracht's auf allen Seiten,Und eh' sie noch dem rauhen Gruß entsprochen,Sieht man sie wild die beiden Arme breiten,Sind in die Knie taumelnd sie gebrochen.Verwirrung herrscht, Entsetzen in der Runde,Und grimmig mehrt sich der Verlust der Woche -King Edward aber sitzt zur selben StundeIn wicht'ger Konferenz mit seinem Koche.

Was weiß ein Landsknechtshauptmann von Erbarmen?Die Buren mähen seiner Streiter Glieder;Aus Rache plündert er die stillen FarmenUnd brennt sie dann nach allen Regeln nieder.Den weiten Rasenplatz versengt das Feuer,Wo sonst geflogen muntrer Kinder Bälle;Es frißt des Farmers Wohnhaus, seine Scheuer,Der glatten Rinder reingehaltne Ställe.Vier Wände noch! Die Asche fliegt von hinnenIn kurzer Zeit und mit dem nächsten Winde -King Edward aber prüft in tiefem Sinnen,Wie dieses Jahr man die Krawatte binde.

Und daß er härter noch die Trotz'gen strafe,Treibt rücksichtslos die Frauen und die KinderVon Haus und Hof wie eine Herde SchafeLord Kitchener, der große Menschenschinder.In weiten Lagern pfercht er sie zusammen,Und da sie doch den Sinn der Väter erben,So läßt er langsam, stückweis sie verderben.Kann man erstarrt sie in die Grube werfen,Muß ihr Gemurr am Ende doch verstummen!King Edward aber kitzelt seine NervenDurch ein Hasardspiel um honette Summen.

Die Mütter sind in dumpfes Weh versunkenUms tote Kind und um den fernen Gatten,Und wenn des letzten Tropfen Bluts getrunkenDer Vampyr Gram, vergehen sie wie Schatten.Mit feuchten Augen wird man einstens schreitenDurch dieses Land der Trauer und des Fluches,Und über Transvaal werden schwarz sich breitenDie schweren Falten eines Leichentuches.Es ballen sich Millionen Fäuste täglichOb Kitcheners und seiner Schlächterrotten -King Edward aber ist vergnügt unsäglichBeim Studium seines Albums reizender Kokotten.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
Digitalisat
de.wikisource.org — „Kontraste“, Fassung 3.492.483 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rudolf Lavant

Alle Gedichte von Rudolf Lavant ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.