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Versbuch

Kraft und List

Rudolf Lavant · 18441915

47 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1899

Ein zeitgemäßes Gleichniß von Rudolf Lavant.

So war es recht, mein edler, stolzer Leu,Denn furchtlos war und trotzig deine HaltungIm ersten Akt des Kampfes mit der Schlange! ―Als sie weit auf den gift’gen Rachen rißUnd, gierig züngelnd, aus den kleinen AugenVoll wilder Tücke das erkorne OpferAnfunkelte, da bannte sie dich nicht,Denn nur dem Namen nach kennst du die Furcht.Wohl zucktest du im ersten AugenblickZusammen, doch vor Ueberraschung nur,Denn Trotz und Kampflust war die zweite RegungUnd jeden Muskel, jede Sehne spanntestDu unwillkürlich für den RiesenkampfAuf Tod und Leben. Der Verhaßten BlickIst an dem deinen hilflos abgeprallt,Wie am Gemäuer ein verirrter Pfeil.Du maßest sie mit einem finstern BlickVoll Ekel, Haß und gründlicher Verachtung,Und regungslos, als ob ein ErzgebildMan in der Wildniß Mitte aufgestellt,Sahst ihrem Angriff ruhig du entgegen.Sie kannte dich; sie hatte oft versucht,In ihre mächt‘gen Ringe zu verstrickenDen edlen Gegner und ihn todt zu drückenIn fürchterlicher Pressung. Nie gelang'sUnd die Erinn‘rung an die alten KämpfeSchien schwankend sie zu machen und verzagt.Sie zauderte, dann aber schoß sie zu,Als müsse dies Mal ihren gift'gen ZahnIns Fleisch sie schlagen ihrem stolzen Feind,Urplötzlich lähmend seine Lebenskraft,Um dann allmälig in des Leibes RingenDie Knochen zu zerbrechen. Eitler Wahn!Ein Hieb der Pranke traf des Scheusals HauptUnd wie vom Blitz getroffen fuhr die WundeIn wildem Schmerz in ihr Versteck zurück.Du hast sie hübsch zerfetzt, sie wird gedenkenAn diesen Tag - doch sei auf deiner Hut!Sie ist nicht todt, ob noch so gut getroffen,Und wiegst du dich in falsche Sicherheit,So läufst du nach dem Kampfe noch Gefahr,Daß sie urplötzlich auf dich niederschießt.Zu ihrem alten Hasse kommt die Wuth,Der bitt‘re Schmerz ob ihrer Niederlage;Falsch ist die Schlange, tückisch und verbissenUnd unversöhnlich. Löwe, hüte dich!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1899
Digitalisat
de.wikisource.org — „Kraft und List“, Fassung 3.440.104 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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