Gebet einer Jungfrau
Frank Wedekind · 1864–1918
48 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Ave Maria!Schwere Träume plagenMich so manche Nacht,Und es ist die Pein,Die mein Blut empört,Nicht mehr zu ertragen,Achtzehn Jahre altUnd noch Jungfrau sein.Ave Maria!Gratia plena!Trost und Freude kannstNimmer du verwehren,Einen braven MannMußt du mir bescheren,Einen braven Mann,Der gut lieben kann.
Ave Maria!An dem braven GattenFreu’ ich mich gewißBis zum Überdruß;Herren, die nicht gleichIhm Bericht erstatten,Gönn’ ich darum gernManchmal einen Kuß.Ave Maria!Gratia plena!Doch wenn Einer michWirklich liebt, erhöreStets ich all sein FlehnOhne daß ich störeMeinen braven Mann,Der gut lieben kann.
Ave Maria!Wird mir nun zur PlageDieser Brave, derMich gesetzlich liebt,Dann stell’ ich sofortEine Scheidungsklage,Wenn – aus gutem Grund –Er den Anlaß gibt.Ave Maria!Gratia plena!Droht mein Gatte, sichGeistig zu verklären,Dann als nächsten mußtGleich du mir bescherenEinen braven Mann,Der gut lieben kann.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gesammelte Werke. Band 8: Lyrik, Versepik, Erzählende Prosa. S. 156-157, 1. Auflage, Georg Müller, München und Leipzig, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gebet einer Jungfrau“, Fassung 1.444.341 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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