Zum Inhalt springen
Versbuch

Im Kreislauf des Jahres

Rudolf Lavant · 18441915

55 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(1887.)

Wie ist so lau und lind die Luft –Die Fenster auf und fort die Decken!Es irrt ein feiner VeilchenduftUm wieder knospenreiche Hecken.Es rauscht der Bach, der träge schlich,Voll gelber Kätzchen hängt die Weide,Und da und dort sonnt freudig sichEin Falter schon in buntem Kleide.Die Lerche jubelt im Blauen!

Im Sonnenbrande reift das KornDem großen Erntetag entgegen;Es quillt des Ueberflusses HornVon Segen über allerwegen.Den Bann der Schwüle ab und zuBricht siegesprächtig ein Gewitter,Und seine Sense schärft in Ruh’– Er pfeift ein Lied dabei – der Schnitter.Die Wachtel schlägt im Getreide!

Der Wald ist bunt; im Winde schwimmtMariengarn an stillen Tagen;Empor zu seinen Reben klimmtDer Winzer, nach dem Wein zu fragen.Die Welt steht klar und feierlichVor dir – doch ahnst du ihr Sichhärmen,Und für die Reise schaaren sichDie Vögel all’ zu dichten Schwärmen.Die Schwalbe zwitschert am Firste!

Im Schnee begraben liegt die Welt;Sie athmet kaum – sie schläft und feiert.In bitterkalten Nächten belltDer Fuchs zum Mond, der rothverschleiert;Und unterm Fuß des Wandrers krachtDer Schnee und in vereisten ForstenIst manche Eiche über Nacht,Die noch im Herbste grün, geborsten.Die Krähen krächzen am Wege!

Im Bilde sieh des Menschen Loos!Wer pflegte nicht in KindertagenMit leichtem Sinn und ahnungslosDen bunten Faltern nachzujagen?Wer hat als Jüngling nicht gestrebtMit leiblichen und geist’gen WaffenUnd mit der Gluth, die in ihm lebt,Ein schönes, ganzes Glück zu schaffen?Da sangen Wachtel und Lerche!

Und als das Heer der Träume schiedUnd als sie kam, die große Stille,Wer sang nicht der Entsagung Lied,Wem schwieg er nicht, der laute Wille?Und wer entgeht der letzten Noth,Wie viel er auch umschifft der Klippen,Da ihm mit weicher Hand der TodDas Siegel legt auf bleiche Lippen?Erst die Schwalbe und dann die Krähe!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Kreislauf des Jahres“, Fassung 3.498.586 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rudolf Lavant

Alle Gedichte von Rudolf Lavant ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.