Im Kreislauf des Jahres.
Rudolf Lavant · 1844–1915
33 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1889
Die Lüfte wehten lau und lind,Vom Walde klang des Finken Locken;Am Raine saß ein spielend Kind,Im Haar den Kranz von Maienglocken.Ein Falter, der im Winde trieb,Flog nach dem Duft voll süßer Würze;Es wehrte nicht dem bunten Dieb ―Von Veilchen voll war seine Schürze.
Es kam die Nacht mit sachtem GangBei ferner Blitze mattem Zücken;Ein Bursche zog das Thal entlang,Das leichte Ränzel auf dem Rücken.Die Rose, die ein Mädchen schlankBeim Abschied ihm gereicht mit Thränen ―Er hielt am Stängel zart und schwankSie lässig fest mit weißen Zähnen.
An Zaun und Dorn und am GewandHing des Mariengarns Gewebe;Es bräunte sich im SonnenbrandDie goldne Traubenfrucht der Rebe.Heim schritt ein Mann, der über TagDie Zweige ihrer Last entbunden,Und auf der duft’gen Ernte lagEin Asternstrauß, mit Gras umwunden.
Es senkt die Zweige tief verschneitDer Wald, als ob er stumm sich härme;Zur Hütte schleicht zur SchlafenszeitEin Greis, voll Sehnsucht nach der Wärme.Er lächelt, als sie prasselnd sprühn,Die dürren Reiser, gluthumwoben,Denn eine Ranke ImmergrünHat achtlos er mit aufgehoben.R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1889
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Im Kreislauf des Jahres (1889)“, Fassung 3.016.623 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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