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Versbuch

Im Garten

Rudolf Lavant · 18441915

81 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1884

Nun quillt aus dunklem Rebenlaube,Das üppig wuchert an der Wand,Verlockend schon die PurpurtraubeUnd klärt sich still im Sonnenbrand;In engen Stuben dumpfe Schwüle,Die lähmend auf die Sinne drückt!Da lockt und winkt der Lauben Kühle,Die rothe Bohnenblüthe schmückt.

Da sind sie glücklich denn zu preisen,Die keine Pflicht ins Zimmer bannt,Die nicht im nüchtern-kahlen, heißen,Erschöpfung leise übermannt,Die nicht herab auf's Blatt sich neigen,Den Staub der Akten im Gesicht,Jndeß Gekritzel nur das SchweigenUnd Fliegensummen unterbricht.

Der Vater runzelt wohl die Brauen,Doch sinkt die Hand nicht in den Schooß —Fiel doch den Kindern und den FrauenEin freundlicher, ein milder Loos.„Sie dürfen sich im Freien tummeln",Denkt er, und taucht die Feder ein;„Wie wird den kleinen wilden HummelnSo wohl in dieser Stunde sein!"

Die Feder läßt er emsig gleiten —Da stellt ein herzig Bild sich dar;Er sieht sie nach dem Garten schreitenIm Geist, die frohgemuthe Schaar.Die Buben lärmen und trompeten,Mit Fahne, Streitroß und Gewehr —Die beiden Mädchen aber tretenSchon sittig und gesetzt daher.

Was gilt's, die wilden Jungen ziehenIn ihre Spiele selbst den Hund!Die sanften Mädchen aber knieenUnd senken Pflanzen in den Grund.Die Jungen rennen, fechten, schießenUnd schlagen in die Flucht den Hahn,Die Mädchen jäten und begießen,Bis grau die Dämmerstunden nahn.

Den Kleinsten muß die Mutter tragen,Aus deren Aug' die Freude blitzt;Wie wird er in die Händchen schlagen,Wenn er im weichen Grase sitzt!Nach jeder Blume wird er greifen,Um die ein bunter Falter fliegt,Bis Finkenruf und AmselpfeifenAllmählig ihn in Schlummer wiegt.

Er schläft so fest und süß im Grase,Fern tobt der Brüder Scheingefecht,Da rückt die Brille auf der NaseDie alte Großmama zurecht.Sie lugt, ob sich die Aeste neigen,Auf die im Herbst der Enkel steigt.Sie späht, ob sich an allen ZweigenVerheißung reicher Ernte zeigt.

Es ist ihr nicht um ihren Gaumen,Wenn sie die Sorge nicht verhehlt,Ob es an Birnen nicht und Pflaumen,An Nüssen nicht und Aepfeln fehlt.Sie tritt sogar auf eine Leiter,Und strotzt von Früchten jeder Ast,So schmunzelt sie vergnügt und heiter —Vom Herzen fiel ihr eine Last.

Daß von des Herbstes süßen Gaben,Bis grün der Lenz die Erde macht,Nur ja genug die Enkel haben,Nur auf dies Eine hat sie Acht.Fast jugendlich erscheint die Alte,Trotz ihrer zitternden Gestalt,Trotz mancher Runzel, mancher Falte —Ein Frauenherz wird nimmer alt! —

So sieht im Geiste seine LiebenDer Mann im Zimmer dumpf und heiß;Er lächelte und hat geschriebenMit doppelt angestrengtem Fleiß.Weiß er die Seinen doch geborgen,Und ihre Freude unvergällt;Für sie das Glück, für ihn die Sorgen,So lang der Leib zusammenhält!

R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Friedrich Geissler (E. Trachbrodt), Leipzig, 1884
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Garten (Rudolf Lavant)“, Fassung 3.547.419 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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