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Versbuch

Erwachen

Rudolf Lavant · 18441915

64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Noch einmal ließ der Winter wehnIm finstren Trotze seine Fahnen;Er hieß die Bäche stille stehnUnd wehte Straßen zu und Bahnen.Er füllte ganze Thäler ausIn einer Nacht mit Schneeslasten,Begrub im Wald das FörsterhausUnd knickte schlanke Schiffesmasten.

In voller finstrer Größe standEr aufgerichtet auf dem PostenUnd winkte mit der weißen HandDas Schneegewölk herauf von Osten.Er lachte in der Stürme Schlacht,In des Gestöbers graue Wirren,Und ließ die blanke Harnischpracht,Die helle Eisesrüstung klirren.

Er schlug ans Schwert die Eisenfaust,Als werde Herr der Macht er bleiben –Doch wir, gehudelt und gezaust,Wir schauten spöttisch in das Treiben,Denn ob des Himmels Blau verschwand –Es ließ sich Niemand bange machen;Wir wußten, vor der Thüre standDes Lenzes lächelndes Erwachen.

Mag nochmals drum in Wald und FlurGepflanzt des Winters Banner stehen –Wir grüßen doppelt freudig nurDes lauen Thauwinds rastlos Wehen,Die Knospe, die verstohlen springtAn Busch und Baum, auf Weg und Stegen,Die Drossel, die mit Locken singtIm Abendlicht nach sanftem Regen.

Es schwillt das wintermüde HerzDem Lenz, der es erlöst, entgegen,Als werde Balsam auf den SchmerzDer tiefsten Wunde still er legen –Und schreckt in Träumen, die dem SchooßDes finstren Tartarus entstammen,Und schreckt vor Fragen riesengroßIm selben Augenblick zusammen.

Sobald zum blauen HimmelszeltEmpor die ersten Lerchen schwirren,Geht scharf und deutlich durch die WeltEin unheilvolles Waffenklirren,Und Trommelwirbel übertäubtDes Pirols und des Finken Schlagen,Wenn weiß es von den Zweigen stäubtNach kurzen, warmen Blüthetagen.

Der Vogel brütet still im NestIm dichten Busch, in braunen Schollen –Da bebt der Grund in Ost und WestVon der Kanonenräder Rollen,Da thürmt sich auf in fahlem Schein,Verderben kündend jedem VolkeBis in der Witwe Kämmerlein,des Krieges finstre Wetterwolke.

Die Völker könnten reich und starkIn Eintracht beieinander wohnen;Doch diese Angst, sie saugt am MarkUnd an dem Herzblut der Nationen.Wie lange wird der Menschheit StromIn viele Bäche man zersplittern?Wie lange noch wird dies PhantomDas Frühlingshoffen uns verbittern?

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Erwachen“, Fassung 3.781.030 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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