An unsere Gegner
Rudolf Lavant · 1844–1915
73 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(Zur Einleitung der Gedichtsammlung „Vorwärts“ 1886.)
Ihr habt die Kunst sogar gepachtetWie alles, was das Leben schmückt,Und wenn ihr dieses Buch betrachtet,Seid ihr gewißlich nicht entzückt.Ich kenne euch und eure Phrasen,So euren Haß wie eure Gunst!Ich weiß, ihr rümpft etwas die NasenUnd sprecht vom „Fehlen aller Kunst“.
Ein Lächeln tritt auf meine Lippen.Ist es denn leicht nicht einzusehn,Daß wir aufs Kippen und aufs WippenDer Silben schlecht nur uns verstehn?Wir sind ästhetisch nicht erzogen –Es hat kein Dichter dieses Buch’sDen Tonfall ängstlich abgewogenBeim Wort des Zornes und des Fluch’s.
„Eintönig“ will es euch erscheinen?So blättert doch nicht weiter fort! –„Eintönig bis hinab zum Kleinen“Ist in der That das rechte Wort.Ich will es – ganz gewiß! – nicht drehen;Was blickt ihr nur so säuerlich?Daß wir uns ganz und gar verstehen,Beglückt in tiefster Seele mich.
Eintönig – ja – wie KronenbrausenIm Eichwald bei Gewitters Nah’n,Wie schwanker Föhrenwipfel SausenIn einer Frühlingsnacht Orkan;Eintönig – wie der Laut der Klage,Der um geborstne Zinnen weht,Der schleppend auch am stillsten TageDurch lange Trümmergänge geht.
Am Meere seid ihr doch gewesen?Natürlich „ja“ – was frag’ ich auch?Die Nerven müssen doch genesenIn seinem herben, frischen Hauch.Das ist kein Spott – ich glaub’s ja gerne,Doch – hat euch in der ersten NachtDer Brandung Donnern in der FerneNicht immer um den Schlaf gebracht?
War’s nicht – mit keinem zu vertauschen –Ein tief ergreifendes Gefühl,Als ihr, dem dumpfen Prall zu lauschen,Den Kopf erhobt vom Daunenpfühl?Und hört ihr’s nicht im Geiste wieder,Das Donnern an der Düne Saum,Das, monoton wie unsre Lieder,Euch aufgeschreckt aus süßem Traum?
Vernahmt ihr das gemessne Klopfen,Unheimlich, deutlich, ob auch schwach,Mit dem die Regenperlen tropfenVom Lindenbaum aufs Schindeldach,Bis sich das Haupt im UeberwallenDer Trauer in den Kissen barg,Als hörtet ihr die Thränen fallenEintönig schon auf euren Sarg?
Der Wildbach stürzt sich über Klippen,Zu Schaum zerstäubt in schwarzen Schlund –Ihr steht dabei mit bleichen Lippen,Erschüttert in der Seele Grund?Ihr staunt und bebt? Ich frage wieder„Ist dieser weißen Wasser FallEintönig nicht wie unsre Lieder,Wie unsrer Weisen düstrer Hall?“
Der Uebermuth ist mannigfaltig,Die Lust ist jedes Wechsels voll –Eintönig, finster und gewaltigSind Zorn und Klage, Haß und Groll.Stimmt eurer Instrumente Menge,Gebt ein Konzert, doch glaubet mir:Ihr kommt unrettbar in die Enge,Denn Sturm und Brandung bringen wir!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An unsere Gegner“, Fassung 3.491.198 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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