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Versbuch

Dem alten Jahr

Rudolf Lavant · 18441915

73 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1884

Gedicht von Rudolf Lavant.

Noch eine flüchtig˶kurze Stunde,So ist durchlaufen deine Bahn,Und hundert Glocken in der RundeVerkünden eines andern Nahn.Schon winkt und nickt man ihm entgegenUnd füllt den Kelch und jubilirt,Indes auf nebelvollen WegenSich deine letzte Spur verliert.

So gehts auf Erden einem jeden,Wie froh begrüßt es auch begann ―Ich aber will mit dir noch reden,So lang dein Ohr mich hören kann.Doch fürchte Bitten nicht und Klagen,Was auch in mir verglomm, versank,Was ich auch litt an trüben Tagen ―Ich bringe dir den letzten Dank!

Wohl hast du nicht erfüllen dürfenWas ich zu bitten nicht gewagt,Wohl hast den feurigsten EntwürfenDie goldne Stunde du versagt,Wohl fühlt’ ich oft die Kraft ermattenUnd meine Seele wurde vollVom Ziehn und Wallen grauer Schatten ―Doch heg’ ich darum keinen Groll.

Das mußte sein und sei vergessen:Des Schicksals wars, nicht deine Schuld ―Doch laß die Hand dir innig pressenFür jedes Zeichen deiner Huld,Für jeden Blick, der süßverhohlenUnd scheu ins Auge mir getaucht,Für jeden Kuß, den du verstohlenAuf meine heiße Stirn gehaucht.

Ich danke dir für jedes LächelnVon rosig˶frischem Kindermund,Für jedes kühlen Lüftchens FächelnIm bachdurchrauschten Wiesengrund;Für jeder Blume stilles Düften,Die sich in Mädchenlocken schmiegt,Die über eingesunknen GrüftenIm Abendwind das Köpfchen wiegt.

Ich danke dir für jedes RauschenIm dämmergrünen, stillen Tann,Das für mein ahnungsvolles LauschenUnsäglich tiefen Sinn gewann;Für jedes Lied, das ins GezitterDer Blätter sanft ein Vöglein sang;Für jedes Lied, ob süß, ob bitter,Das sich der eignen Brust entrang.

Für jede Rast auf Berg und Dünen,Für Sternenlicht und Mondenschein,Für jeden Wandertag im Grünen,Für jeden Becher Feuerwein,Für jede Windsbraut, die mit StöhnenDie Wipfel bog in schwarzer Nacht,Für jeden Blitzstrahl, jedes DröhnenDer Donner sei dir Dank gebracht.

Ich danke dir für jede Stunde,Die mich auf lichte Höh’n geführt,Da ich in meiner Seele GrundeVerwandten Wesens Hauch gespürt,Da ich, von Stolz und Freude trunken,In schön’re Geisteslande drang;Ich danke dir für jeden FunkenDes Zorns, der aus den Augen sprang.

Es wird mir schwer, von dir zu scheiden,Viel schwerer noch, als ich gedacht:Du hast durch Freuden und durch LeidenMich reifer, sinnender gemacht.Du zeigtest mir das schlichte Echte,Du zeigtest Gleißendes als hohl ―Ich löse zaudernd meine RechteAus deiner Rechten: fahr’ denn wohl!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Neue Welt Nr.9, S.217, Goldhausen, Leipzig, 1884
Digitalisat
de.wikisource.org — „Dem alten Jahr“, Fassung 4.638.703 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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