Das Maienfest der Massen.
Rudolf Lavant · 1844–1915
73 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1895
So steige denn nach linder NachtZur Lust der Denkenden und FreienHerauf in Deiner Sonnenpracht,Du Feiertag des ersten Maien!Vom Strand der Themse zum VesuvFüllst Du mit Feiernden die Gassen;Es war die Freiheit, die Dich schuf ―Drum grüßen Dich mit JubelrufDie duldenden, enterbten Massen!
Ein Fest von tiefstem Ernst erfülltUnd dennoch unaussprechlich heiter.Ein Banner ward an ihm enthülltDurch tapfre unbeugsame Streiter,Und seit es stolz im Winde weht,Sieht immer wieder man erblassen,Was rücksichtslos zusammengehtUnd angstgepeinigt widerstrebtDem Anprall der erregten Massen.
Sie fühlen, daß des Himmels LichtIn jene unbekannten TiefenSich breite Bahnen siegend bricht,In denen Riesenkräfte schliefen,Sie fühlen mehr und minder klar,Daß sie nicht ewig ruhig prassen,Sie fühlen, daß nicht immerdarDer Einsicht, des Entschlusses barDie hungernden, erschöpften Masse.
Sie haben es so oft verhöhnt,Das Volk gedankenloser Knechte;Sie klammern sich, vom Glück verwöhnt,An ihre Macht, an ihre Rechte.Es gährt in ihrer Brust der Groll,Sie können’s nie und nimmer fassen,Es macht sie blind, es macht sie toll,Daß plötzlich man verhandeln sollMit diesen sonst so stummen Massen.
Woher auf einmal dieser GeistSo drohend und so unerklärbar,Der unabweislich, keck und dreistVon Rechten spricht, die unverjährbar?Man hat sonst bittend nur gelalltMit trüben Augen, thränennassen,Man zitterte vor der Gewalt;Jetzt wird sogar die Faust geballtVon kraftbewußten düstern Massen!
Wie Sturm durch alle Lande fährtDasselbe ungestüme Fodern;Wohin man blickt, es braut und gährtUnd tausend finstre Augen lodern!Wird man zuletzt, erdrückt, umringt,Gezwungen sein, sich anzupassenDem Neuen, das die Zukunft bringt,Der Ordnung, die mit Macht erzwingtDer Ansturm zielbewußter Massen?
Kein Wunder, daß mit bleichem MundSie uns und unsrem Streben fluchen,Daß sie der freien Völker BundMit List und Trug zu sprengen suchen.Man jagt sie aus dem weichen Nest ―Kein Wunder, daß sie tief uns hassen,Daß laut man schmäht in Ost und West,In Nord und Süd der Arbeit Fest,Das schöne Maienfest der Massen!
Doch aller Haß und aller Hohn,Mit dem sie zitternd uns verlachen,Kann lieber nur dem braunen SohnDer Arbeit diese Feier machen.Wer sie begeht im grünen Hag,Der kann die Gegner geifern lassen,Denn komme, was da kommen mag,Es wird des Maien erster TagDereinst zum Siegesfest der Massen!R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Paul Singer, Berlin, 1895
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Maienfest der Massen“, Fassung 3.082.211 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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