Bekenntnis
Rudolf Lavant · 1844–1915
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1965
O du gärende, wogende, stürmische Zeit,Die das Rasten nicht kennt und das Träumen,Die zum Kämpfer den lockigen Knaben schon weiht,Der da spielt unter blühenden Bäumen,Sie nennen dich grausam, sie schelten dich hart,Sie werden nicht müde, zu hadern,Doch ich weihe der ringenden GegenwartJeden Tropfen Bluts in den Adern!
Sie ist lästig den Satten und Trägen bloß,Und das Nörgeln und Mäkeln ist eitel,Denn sie ist herrlich, erhaben und großUnd schön von der Sohle zum Scheitel,Und ich jauchze, wenn ehern ihr Kampfruf klingt,Wenn es donnert und flammt in der Runde,Und das Banner, das hoch in den Lüften sie schwingt,Ich küß es mit brennendem Munde.
Wohl zürnt sie, wohl mahnt sie, wohl ruft sie zum Streit,Und die Augen, die prächtigen, lodern,Doch sie hat uns von lähmender Stickluft befreitUnd vom faulen und feigen Vermodern,Und wer tapfer und ehrlich, wer männlich und wahr,Wessen Herz nicht in Selbstsucht gefroren,Wer zu Opfern bereit und entschieden und klar,Der hat ihr die Treue geschworen.
Ob die Tage des Siegs ich mit brechendem BlickErschaue, wenn alles sich endet,Ob dem sinkenden Streiter ein hartes GeschickAls Kampfpreis ein Hohnwort nur spendet,Ich kämpfe den Kampf für das ewige RechtIn den Reihen der Freien und BravenUnd blicke verächtlich herab auf den KnechtIn den Reihen der Söldner und Sklaven.
Als ein Kind meiner Zeit, die in Sturm und in DrangAn die Herzen der Kühnen sich wendet,Hab ich furchtlos und trotzig in aufrechtem Gang,Meine Laufbahn in Ehren vollendet;Als ein Kind meiner Zeit bin mit blitzender WehrIch vorwärts, nie rückwärts gegangen,Und Richter voll Einsicht, was können sie mehrVon dem Mann wie vom Dichter verlangen?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bekenntnis (Rudolf Lavant)“, Fassung 3.492.475 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.