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Versbuch

Ausgesperrt!

Rudolf Lavant · 18441915

43 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 26. April 1910

Acht Tage schon! Der Vater kommt nach HausUnd sah gefaßt zwar, aber düster aus.Das Werkzeug warf er schweigend in die Ecke.Das kleine Volk hat wunderlich verdutztDen Vater angesehn und dann gestutzt —Die Mutter war erbleicht in jähem Schrecke.

Dann sprach der Vater, doch nicht lang und breit,Nur: „Ausgesperrt auf unbestimmte Zeit!“Ein saures Wort für einen braven Gatten.Jedoch verstanden hat man es sogleichUnd durch des Friedens und der Eintracht ReichGing grau und lautlos ein gespenst’ger Schatten.

Man sah zur Decke auf und an die WandDenn vor den Augen auch der Kleinen standIn scharfem Umriß duldendes Entbehren.Doch das Verständnis war vorhanden schon.Der Aelteste sprach in gefaßtem Ton:„Soll sich der Vater durch Verrat entbehren?“

Ein Mannsblick war’s, der zur Mutter flog,Die mit gesenktem, schwerem Haupt erwog,Was nun für alle finster nahen werde.Sie hat nur tiefer nieder sich gebückt,Jedoch den bittern Aufschrei unterdrückt:„So sind sie nun, die Mächtigen der Erde!“

Denn auch die Frauen haben Mannesmut.Sie wissen wohl, wie weh Entbehrung tut,Doch sind sie frei von schwachen Damennerven,Und keine Klage wäre hier am Platz;Es ist für sie der höchste Glaubenssatz:„Nie darf der Vater feig sich unterwerfen!“

Zu seinen Brüdern muß er mannhaft stehnUnd treu mit ihnen bis zum Ende gehn,Bis zum erstrittnen, ehrenvollen Frieden.Er kämpft für alle, die das grobe BrotDer Arbeit essen und der steten Not;Das ist das Los, das ihrem Stand beschieden.

Es naht für alle eine bittre Zeit,Doch geben sie in ihrer EinigkeitDen Unterdrückern eine ernste Lehre.Es ist verkehrt, worauf man dort besteht,Denn über alles, auch das Herbste, gehtDem Volk der Arbeit seine Klassenehre.R. L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Leipziger Volkszeitung, Leipzig, 26. April 1910
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ausgesperrt!“, Fassung 3.648.174 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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