Aufforderung
Rudolf Lavant · 1844–1915
33 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1917
Von Rudolf Lavant †
Ein halber Mann, dess‘ Tage schwindenIn selbstischer Befangenheit, ―Du sollst im Busen mitempfindenDen hohen Wellenschlag der Zeit!Ein schlechter Mann, dem da gelassenDurch das Geäder schleicht das Blut, ―Du sollst voll tiefen Ingrimms hassenUnd lieben mit der Seele Glut!
Du sollst zur Linken oder RechtenDich schlagen ― das ist Pflichtgebot!Du sollst mit blanker Waffe fechten,Getreuen Muts, in Glück und Not!Der Fahne treu, die du erkoren,Sollst du, gebeugt von keiner Pein,Ein Kind der Zeit, die dich geboren,In jedem Atemzuge sein!
Sei ganz, was deine Pflichten fordern,Was diese große Zeit begehrt!Laß hell die Glut, die heil’ge lodern,Und lächle, wenn sie dich verzehrt!Und wenn im Kampf die Jahre schwanden,Sei stolz auf deines Hauptes Schnee;Du hast in Reih und Glied gestandenMit den Soldaten der Idee!
Nur einen Tag von sieben träume ―Doch diesen einen halte wert!Ein Tempel sind die engsten RäumeSo oft er freundlich wiederkehrt.Hat er vom Staub des KampfgefildesDie müde Seele rein gemacht ―Dann frisch zurück, in rauhes, wildes,Erbittertes Gefühl der Schlacht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1917
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Aufforderung (Lavant)“, Fassung 4.233.470 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.