Crimmitschau
Rudolf Lavant · 1844–1915
81 Zeilen · zuerst gedruckt 12. Dezember 1903
Wird es Euch nun allmählich klar,Ihr hochgemuten, stolzen Herren,Daß es ein grober Schnitzer war,Die fleiß’gen Hände auszusperren,Daß ihr im eignen Netz euch fingtBei lustigem Champagnerzechen,Daß eine Dummheit ihr begingt,Die schwerer wiegt als ein Verbrechen?Es sollte euch der vierte StandFür seine Junisiege büßen;Ihr wolltet jeden WiderstandZertreten unter euern Füßen;Ihr habt voll Zuversicht geglaubt,Bei denen, die für euch sich placken,Zu beugen jedes trotz’ge Haupt,Zu brechen jeden starren Nacken,Und ihnen den modernen Geist,Der drohend blickt durch eure Scheiben,Und seine Rücken frech und dreistFür Jahre gründlich auszutreibenIhr habt gewähnt, es handle sichIm schlimmsten Fall um ein paar Wochen;Dann lasse sie ihr Mut im Stich,Dann sei der Massen Trotz gebrochen;Und was dem Hunger nicht erliegt,Und seinem nimmermüden Nagen,Das werde durch den Frost besiegt,Bereits in den Novembertagen,Denn wenn nicht vor dem WinterwindDer Männer Trotz von selber stürbe,So mache man durch Weib und KindSie schließlich doch unfehlbar mürbe.Wird wen’ger Ware hergestellt,So steigt der Preis nach kurzer Pause;Auch zeigt man nebenher der Welt,Daß man noch Herr im eignen Hause.Kurz, alles schien euch gut zu stehen —Da hieß es keine Zeit verlieren —Ihr wolltet bis ans Ende gehn,Und ein Exempel statuieren;Ihr saht vereint in eurer HandDie schwersten und die schärfsten Waffen,Drum wolltet ihr, fürs ganze Land,Im Weg des Schreckens Ruhe schaffen.Jedoch — ihr irrtet euch im LandUnd im geduld’gen Volk der Sachsen;Es ist der Massen WiderstandBereits euch über’n Kopf gewachsen,Denn stoisch trotzt man eurer MachtUnd prasselnd schlagen jetzt die FlammenDes Streits, den ihr frivol entfacht,Ob eurem eignen First zusammen.Ihr ahntet nicht, daß man der NotMit off’ner Hand zu Hilfe eile,Daß man den kargen Bissen BrotMit Crimmitschau im Munde teile,Daß sich das rote KönigreichVerbünde über Berg und TaleUnd euch den rohen ProtzenstreichMit hohen Zinsen heimbezahle.Ihr stellt euch ungeberdig noch,Gestützt auf den Gendarmenschrecken,Ihr schmäht und höhnt und trotzt,Jedoch, ihr werdet schon die Waffen streckenDenn Sorge schleicht durch euer Haus;Ihr schmort auf glühend heißem Roste,Und rechnet zähneklappernd aus,Was euch der Kampf bis dato koste.Es spielt ein bängliches GefühlMit eurer Kampflust armen Resten,Und dem Verbissensten wird’s schwülBeim Blick in seinen Feuerfesten,Die Massen aber sind sich klar,In Reih und Glied steh’n sie geschlossen,Und willig reichen Hilfe darIm ganzen Lande die Genossen.Gescheitert ist der Herren Schlag;Sie schwanken schon in den EntschlüssenUnd werden den ZehnstundentagAm Ende doch gewähren müssen.R. L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Leipziger Volkszeitung, Leipzig, 12. Dezember 1903
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Crimmitschau (Lavant)“, Fassung 3.653.585 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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