An Herrn Crispi
Rudolf Lavant · 1844–1915
61 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(1891.)
Als man den Alp der Dichter und der Denker,Der jahrelang als unumschränkter LenkerGeleitet hat des deutschen Schiffes Kiel –Es ging, als man den Laufpaß ihm gegeben,Ein tiefes, mühsam unterdrücktes BebenDurch ganz Europa: ein Gewalt’ger fiel.
Nun trägt der Thauwind die willkomm’ne KundeVom grünen Süd zum eisumstarrten SundeUnd in dein lieblich Reich, o weiser Zar,Daß Crispi abwärts zu den Schatten walle;Doch ganz Europa kichert bei dem FalleDes eitlen Manns, der Bismarck’s Affe war.
Im rothen Hemd mit Garibaldi’s SchaarenZog wider König Bomba er vor Jahren,Als all sein Sinnen noch der Freiheit galt.Da ahnt’ er nicht, daß je er eine StimmeIm Rath der Völker habe und erklimmeDie höchste, steilste Staffel der Gewalt.
Soldat der Freiheit, der herabgeglittenAuf schiefer Bahn, der sklavisch alle SittenDes grimmen Kanzlers sich zum Vorbild nahm –Du hast dem Lande, das Dein Joch getragenSo tiefe Wunden rücksichtslos geschlagen,Wie er, der vor Dir noch zu Falle kam!
Geschmiedet habt Ihr Beiden um die WetteVoll Kunst an einer und derselben Kette,Und ohne Furcht vor einem Strafgericht.Einmal jedoch erwacht das VolksgewissenUnd als die Bande zornig man zerrissen,Da sprangen Euch die Stücke ins Gesicht.
Als Bismarck’s Stuhl vor einem VolksgewitterUnd seinem Blitz in Scheiter brach und Splitter,Hat er vergraben sich in Friedrichsruh;Nun schnür’ auch Du Dein Bündel, alter Knabe,Greif einmal noch zum zähen WanderstabeUnd thue an die leichten Reiseschuh!
Nach Friedrichs(un)ruh solltest zu dem andernErlauchten Abgesägten nun Du wandern,Denn allzuweit ist es ja nicht entfernt.Dort könntet ihr, den heißen Grimm zu kühlen,In holder Eintracht um die Wette wühlen –Du hast es sicher noch nicht ganz verlernt.
Vielleicht gewöhnst Du Dich an Malz und Hopfen;Auf jeden Fall darfst Du die Pfeife stopfenDem „großen“ Freund, wie eine treue Magd.Du darfst mit ihm entlang die Raine schreitenUnd in des Herbstes muntern bunten ZeitenDie Waidmannstasche tragen auf der Jagd.
Wer weiß, ob allzuferne noch die Stunde,Die auch den Dritten bringt zu eurem Bunde,Denn auch Graf Taaffe wird noch Trutzgesell.In Oestreich kriselts ja zur Zeit nach NotenUnd sicher reiten die bekannten TodtenAuch an der Donau Strand nicht minder schnell.
Im deutschen Walde fiel die dickste Eiche;Nun sind auch Sie politisch eine Leiche,Bevor Sie noch Ihr Testament gemacht.Die Feinde jubeln, die Trabanten schweigen,Italien athmet auf, die Kurse steigen –Wer hätte das vor Jahresfrist gedacht?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An Herrn Crispi“, Fassung 3.778.960 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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