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Versbuch

An die Leser

Rudolf Lavant · 18441915

57 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 2. Oktober 1887

Von Rudolph Lavant.

Wo einst gegirrt die wilde TaubeUnd Blüthenschnee gefüllt die Schlucht,Da rauscht Dein Fuß in welkem Laube,Da winkt der Brombeerstaude Frucht.Wir schreiten abwärts Stuf’ um StufeUnd lauschst Du träumend Nachts empor,So schlagen wirre, bange RufeDer Wandervögel an Dein Ohr.

Vorbei das sommerliche SchweifenIm grünen Busch bei Glühwurmschein;Die braunen Haselnüsse reifenUnd früher bricht die Nacht herein.Es tanzen Schatten auf und niederIm Lampenschimmer an der WandUnd sinnend wischst den Staub Du wiederVon einem inhaltreichen Band.

Die Stille ladet Dich zum Lesen,Zum Grübeln und zum Träumen ein;Du fragst Dich, wie es sonst gewesenUnd wie es einstmals werde sein,Und folgst, von Wundern rings umgeben,Auf schwacher, oft verwischter SpurDen Führern, die den Vorhang heben,Zum Hochaltare der Natur.

In der verwirrend bunten FülleVon Bildern, die dem Blick erscheintIn oftmals trügerischer Hülle,Suchst Du das Band, das alle eint,Und in dem Drängen der GestaltenAus ferner und aus naher ZeitSuchst Du das unentwegte WaltenDes Fortschritts, der Gerechtigkeit.

Und wenn die Zeilen leicht verschwimmenDem Blicke, der auf ihnen ruht,So hauchen zarte GeisterstimmenDir in die Seele Trost und Muth,Und mancher alten Zwingburg ZinnenSiehst Du mit Reisigen und RoßVerwehn, zerfahren und zerrinnenIm Winde wie ein Uebelschloß.

Für solche stille, nächt’ge Stunden,Da Du auf Geisterpfaden gehst,Hast einen Führer Du gefundenIn uns, wenn Du uns recht verstehst.Versuchs: Vor unsern Worten schwindetDes Tages grauer, dumpfer WustUnd jeder Laut der Klage findetDen Widerhall in unsrer Brust.

Befrage jene, die uns kennen,Ob wir für Brot gereicht den Stein.Du brauchst uns ihnen nur zu nennen –Wir dürfen ihrer sicher sein.Sie werden nimmer sich besinnenUnd froh der Treue Bund erneu’n,So laß zu ihnen Dich gewinnen –Du wirst’s gewißlich nie bereu’n!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, J. H. W. Dietz, Hamburg, 2. Oktober 1887
Digitalisat
de.wikisource.org — „An die Leser“, Fassung 3.014.309 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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