An das Jahr
Rudolf Lavant · 1844–1915
48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Du bringst den Lenz, der alles fahleGezweig in grüne Schleier hüllt,Der über Nacht uns alle ThaleMit Blüthenschnee auf Wochen füllt;Du bringst der Falter bunte Schwingen,Der Maienglöckchen feinen Duft,Des Lerchenwirbels NiederklingenAus blauer, wolkenloser Luft.
Du wirst in Schweiß die Stirnen baden,Wenn rings des Mähers Sense blinkt,Wenn das gereifte Korn in SchwadenZur Erde rauschend niedersinkt;Du heißest in die Scheuern führenDer unverdrossnen Mühe Lohn,Du hängst uns über alle ThürenDen Erntekranz aus wildem Mohn.
Du färbst das satte Grün der WälderIn Purpur um und Gold und Rost,Du füllst die Bütten und die KelterMit Trauben an und süßem Most;Du bringst die Klarheit und das Schweigen,Der schnellen Wandervögel Rast,Du streifst von tiefgesenkten ZweigenDer rothgewangten Früchte Last.
Du zauberst Blumen an die Scheiben,Du schlägst uns auf ein ernstes Buch,Du webst in stillgeschäft’gem TreibenDer Saat ein weiches, warmes Tuch;Du giebst von Stahl dem Fuße Flügel,Du formst in Knabenhand den Ball –Du sendest über Thal und HügelDer Weihnachtsglocken Friedenshall.
Doch – wolle mild dich auch erbarmenDes Sklaven in der Mühsal Haft,Der Tag und Nacht mit nerv’gen ArmenUm kargen Lohn verzweifelt schafft,Der düster, in verbissnem Schweigen,An der Maschine Kreisen steht,An dem des Jahres ZauberreigenFast ungesehn vorübergeht.
Du siehst, erlahmen und ermattenMuß in dem Einerlei sein Hirn;Leg’ deine kühlsten WaldesschattenAuf seine heiße, müde Stirn;Laß deine reinsten HöhenlüfteErquicken die gepreßte BrustUnd spende ihm die Rosendüfte,Das Lerchenlied der Sommerlust!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An das Jahr“, Fassung 4.798.571 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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