An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz
Rudolf Lavant · 1844–1915
57 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(1890.)
Wenn Sie gesprochen, weise, klug und tief,Von dem Gesetze, das die VolksbethörerNoch knapp im Zaume hielt, dann überliefEin Gänsehäutchen auch die kühlsten Hörer.Sie malten phantasievoll an die WandSo düstre Gräuel uns fidel und munter,Daß man sich sagte, wenn die Schranke schwand,So ging die ganze Welt unfehlbar unter.
Die Schranke fiel – sie liegt am Boden jetztUnd fessellos kann die Verführung wüthen –Wo aber hat in Thaten umgesetztSich das bewußte „ominöse Brüten“?Litt irgendwo die „heil’ge Ordnung“ Noth?Begann der Föhn der Leidenschaft zu wehen?Mir scheint, es ist noch Alles hübsch im LothUnd leidlich fest scheint mir die Welt zu stehen.
Es muß Sie doch als sehr humanen MannHöchst angenehm berühren, Herr Minister,Daß friedevoll und ruhig kneipen kann,Ganz wie zuvor, der treffliche Philister.Er wird sich freilich fragen mit der Zeit,Warum sich nirgends denn die Waffen rühren,Warum von Allem, was Sie prophezeiht,Vom Untergang der Welt kein Haar zu spüren?
Saftig zu malen haben Sie beliebt,Kassandratöne warnend angeschlagen,Als wären extra Sie drauf eingeübt,Und namentlich das Roth dick aufgetragen.In eine Wüste grau und todesbangSah man verwandelt schon den duft’gen Garten –Doch läßt der große, düstre UntergangDer ganzen Welt noch immer auf sich warten.
Schon vierzehn volle Tage herrscht das Grau’n,Schon vierzehn Tage waltet frei das Laster,Doch Niemand denkt ans Barrikadenbau’nUnd höchst unaufgerissen blieb das Pflaster.Die Welt fährt fort, in Ruhe sich zu drehnUnd nicht das schwächste, leiseste GeknisterVerkündet uns ein bald’ges Untergehn –Sie gingen doch zu weit wohl, Herr Minister?
Schon vierzehn Tage? Wie man lächeln mag,Ob Ihres Wahns im Schooß des hohen Rathes!Fiel das Gesetz – dann nicht für einen TagVerbürgten Sie die Sicherheit des Staates!Nun gingen schon der Wochen zwei ins LandUnd ward das Reich der Anarchie zur Beute?So, wie die Welt vor vierzehn Tagen stand,So steht sie, ohne das Gesetz, auch heute.
Man darf zum Scherz, wenn man ein Land regiert,Die geistig Armen einmal gruseln machen,Doch wenn man sich dabei vergaloppirt,So dulde man, daß selbst die Kinder lachen.Ja, seinen Haken hat das Prophezeihn!Sie nennt dereinst der friedlichste Philister,Des Pommerlands loyalstes Bäuerlein„Des deutschen Reichs Weltuntergangs-Minister.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz“, Fassung 3.778.990 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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