Kaiser Rudolf
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
30 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1955
Hoch auf seiner Himmelswarteüber einer Sternenkartesitzt der Kaiser Rudolf dort,forschend, ob der langerharrteFlugstern, der die Weisen narrte,streifen würde diesen Ort.
Und er fragt den Astrologen,der am hohen Himmelsbogenalle Wandelwege weiß:»Wird von Unglück der betrogen,den der Stern hineingezogenin den unheilvollen Kreis?«
Und der Alte weicht ihm leiseaus: »Der Stern zieht seine Gleise,Herr, im fernen Ätherreich!«Und gen Süden sieht der Weise; —und der Kaiser schaut die Kreiseseines Globen, ernst und bleich. —
Und von Süden kommt Verderben,kommt Matthias. — Eilge Erbenlassen ihm nur den Hradschin;und der Kaiser spricht im herbenSpott: »Mir bleibt nichts, als zu sterben,denn schon bin ich tot für ›ihn‹.
Alter! Laß den Blick uns heben!du hast recht, die Sterne schwebenhoch ob allem Erdenbann;aber — die nach ihnen streben,knüpfen selbst ihr dunkles Lebenan die lichten Lose an! «
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Larenopfer. In: Sämtliche Werke, Band I, S. 50-51, Insel-Verlag, Frankfurt am Main, 1955
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kaiser Rudolf“, Fassung 3.779.676 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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