Kindheit
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
18 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Es wäre gut viel nachzudenken, umvon so Verlornem etwas auszusagen,von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,die so nie wiederkamen — und warum?
Noch mahnt es uns —: vielleicht in einem Regnen,aber wir wissen nicht mehr was das soll;nie wieder war das Leben von Begegnenvon Wiedersehn und Weitergehn so voll
wie damals, da uns nichts geschah als nurwas einem Ding geschieht und einem Tiere:da lebten wir, wie Menschliches, das Ihreund wurden bis zum Rande voll Figur.
Und wurden so vereinsamt wie ein Hirtund so mit großen Fernen überladenund wie von weit berufen und berührtund langsam wie ein langer neuer Fadenin jene Bilder-Folgen eingeführt,in welchen nun zu dauern uns verwirrt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 45, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kindheit (Neue Gedichte)“, Fassung 3.780.292 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.