Klage um Jonathan
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
22 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Ach sind auch Könige nicht von Bestandund dürfen hingehn wie gemeine Dinge,obwohl ihr Druck wie der der Siegelringesich widerbildet in das weiche Land.
Wie aber konntest du, so angefangenmit deines Herzens Initial,aufhören plötzlich: Wärme meiner Wangen.O daß dich einer noch einmalerzeugte, wenn sein Samen in ihm glänzt.
Irgendein Fremder sollte dich zerstören,und der dir innig war, ist nichts dabeiund muß sich halten und die Botschaft hören;wie wunde Tiere auf den Lagern löhren,möcht ich mich legen mit Geschrei:
denn da und da, an meinen scheusten Orten,bist du mir ausgerissen wie das Haar,das in den Achselhöhlen wächst und dorten,wo ich ein Spiel für Frauen war,
bevor du meine dort verfitzten Sinneaufsträhntest, wie man einen Knaul entflicht;da sah ich auf und wurde deiner inne: —Jetzt aber gehst du mir aus dem Gesicht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 9, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Klage um Jonathan“, Fassung 1.725.996 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.