Kindheit
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
33 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Da rinnt der Schule lange Angst und Zeitmit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen …Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingenund auf den Plätzen die Fontänen springenund in den Gärten wird die Welt so weit. –Und durch das alles gehn im kleinen Kleidganz anders als die andern gehn und gingen –:O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,o Einsamkeit.
Und in das alles fern hinauszuschauen:Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauenund Kinder, welche anders sind und bunt;und da ein Haus und dann und wann ein Hundund Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen –:O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,o Tiefe ohne Grund.
Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifenin einem Garten, welcher sanft verblaßt,und manchmal die Erwachsenen zu streifenblind und verwildert in des Haschens Hast,aber am Abend still, mit kleinen steifenSchritten nach Haus zu gehn, fest angefaßt –:O immer mehr entweichendes Begreifen,o Angst, o Last.Und stundenlang am großen grauen Teichemit einem kleinen Segelschiff zu knien;es zu vergessen, weil noch andre gleicheund schönere Segel durch die Ringe ziehn,und denken müssen an das kleine bleicheGesicht, das sinkend aus dem Teiche schien –O Kindheit, o entgleitende Vergleiche.Wohin? Wohin?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 1. Buch Teil 1, S. 27–28, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kindheit (Rilke)“, Fassung 2.353.027 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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