Der Lesende
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
31 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag,mit Regen rauschend, an den Fenstern lag.Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr:mein Buch war schwer.Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen,die dunkel werden von Nachdenklichkeit,und um mein Lesen staute sich die Zeit. –Auf einmal sind die Seiten überschienenund statt der bangen Wortverworrenheitsteht: Abend, Abend … überall auf ihnen;ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreißendie langen Zeilen, und die Worte rollenvon ihren Fäden fort wohin sie wollen …Da weiß ich es: über den übervollenglänzenden Gärten sind die Himmel weit;die Sonne hat noch einmal kommen sollen. –Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht:Zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute,dunkel auf langen Wegen gehn die Leute,und seltsam weit, als ob es mehr bedeute,hört man das Wenige, das noch geschieht.
Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,wird nichts befremdlich sein und alles groß.Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,und hier und dort ist alles grenzenlos;nur daß ich mich noch mehr damit verwebe,wenn meine Blicke an die Dinge passenund an die ernste Einfachheit der Massen, –da wächst die Erde über sich hinaus.Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen:der erste Stern ist wie das letzte Haus.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 2, S. 147–150, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Lesende“, Fassung 2.357.755 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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