Unsterblich
Otto Ernst · 1862–1926
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Unlängst, als die Größte von den Kleinen,Meinen Hals umschlingend, vor mir stand,Fand sie jene Spur an meiner Schläfe,Wo der Tod hinstrich mit zager Hand.
Größer wurden ihre großen Augen.„Vater - schau! Ein graues Härchen! Schau!“Und nach einem langen Sinnen sprach sie:„Warum werden wohl die Menschen grau?“
„Nach der Sonne Glück, des Regens Trauer,Nach der Tage Glanz, der Nächte TauWerden gelb die schönen grünen Blätter,Und der Menschen Haare werden grau.“
Lange sah sie gradaus mir ins Antlitz.Plötzlich rief sie: „Väterchen, nicht wahr?Bitte, bitte, wenn es ausgefallen,Ach, dann gibst du’s mir, das liebe Haar!
Betteln will ich auch bei Mutter, daß sieJedes graue Haar mir geben muß.Sammeln will ich sie in meinem Kästchen,Und für jedes kriegt ihr einen Kuß.“ -
Tod, du siehst, ich sitze gut im Sattel,Tod, mein guter Freund, ich spotte dein.Jedes Haar, das du gezeichnet, trägt mirSchönheit eines jungen Lebens ein.
Sieh, mein Herz hab' ich mit festen HändenHier im Grund des Hauses eingepflanzt;Seine Fülle wird noch Blüten treiben,Wenn der Wind mit meinem Staube tanzt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 97-98, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Unsterblich“, Fassung 1.623.359 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.