Mein Freund
Otto Ernst · 1862–1926
22 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Als ich jüngst im Garten wandelte,Ward mir unverhoffte, tiefe Freude:Aus dem tiefen Dunkel wirrer ZweigeWinkten mir zwei Blumen wie zwei Augen.Näher trat ich, durchs Gebüsch mich zwängend –Sieh, im düst’ren Schatten alter Bäume,Fast erdrückt vom wuchernden Holunder,Stand ein armer Strauch der Alpenrose.Zwischen seinen krummen, mag’ren ÄstenSpann ihr feucht Gespinnst die ewige Nacht;Abgetrennt von Luft und Sommersonne,War er leidend Jahr um Jahr gewachsen;Doch aus Leidensnächten hob er Blüten,Starke, lächelnde, betränte Blüten,Seines Ringens Ende, still empor.
Und den Gärtner rief ich: „Diesem StraucheGib den besten Platz in meinem Garten.Tu es bald – ich hab es ihm versprochen.“
Alle Wohner meines Gartens lieb ich,Halm und Bäume, Frucht- und Schattensträucher;Doch mit diesem in des Abends SchweigenSprech’ ich Worte wie von Mensch zu Mensch.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 44, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mein Freund“, Fassung 1.623.323 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.