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Versbuch

Ein öd’ Gefild

Marie Eugenie Delle Grazie · 18641931

85 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1892

4. Ein öd’ Gefild.

Ein öd’ Gefild: nicht Baum noch Strauch zu sehen,Und drüber eines Sommertages Gluth,Verzehrend, tödtend.... welke Halme wehenLeis’ raschelnd in des Sandes gelber Fluth,Wie Feuer träufelt es vom Himmel niederUnd unter ihm dehnt wie ein fiebernd WeibDie Ebene die aufgelösten GliederUnd den gebräunten, nackten Riesenleib. -Kein Laut.... verstohlen wie Gedanken gehenDie Lüste über sie hin, schreckgebannt,Als läge sie mit einem Traum in Wehen,So unheimlich, wie dieses Tages Brand.

Und schon entringt sich’s grausig ihrem Schooße –Welch’ Bild! Sieh’ endlos Kreuz an Kreuz gereiht,Die harten, blutbesudelten KolosseDer Schmach in weltverlor’ner Einsamkeit!Zehntausend und noch mehr, zieh’n Meil’ an MeileSie finster hin – unübersehbar istDie lange, fürchterliche Schreckenszeile,Die jeden Schritt mit einem Leben mißt!Kein Schrei der Qual – kein Athemzug – kein RöchelnUnd Seufzer mehr: zum Kreuze ausgestrecktHängt Leib an Leib, vom Haupt bis zu den KnöchelnDer Schande preisgegeben, unbedeckt;Gestocktes Blut klebt an den mächt’gen Gliedern,Die höhnisch nun den Balken angepaßt,Starr tritt aus den emporgezog’nen LidernDas Aug' und sagt, wie’s noch im Tod gehaßt!

Da gellt ein Pfiff – und aus dem SonnenkreiseDes Äthers stößt ein Geier nieder, wildDie Fänge krampfend nach der leckern Speise,Dem Riesenmahl auf offenem Gefild.Vor Kurzem noch ein Pünktchen hoch im Blauen,Durchrauscht er nun die Lüste, königlich –Da zuckt’s an einem Kreuze und – o Grauen,Zwei todesfahle Wangen röthen sich,Zwei bleiche, schmerzverzerrte Lippen beben,Nach Athem ringt ein Busen, qualgepreßt,Und eine Seele klammert sich an’s LebenWie dort, am Kreuzesstamm, der Geier fest....

„Weh’ uns – besiegt!“ so röchelt’s hohl hernieder –„O Fluch dir, Fluch dir, unersättlich Rom!“Und durch die starren, ausgespannten GliederErgießt sich’s wie ein neuer LebensstromUnd zwingt noch einmal sie, am Kreuz zu ringen;Noch einmal bäumt in namenlosem SchmerzDas Fleisch sich unter’m harten Druck der Schlingen,Der Riesennägel schadenfrohem Erz.

„Weh’ mir, besiegt – um auch als Sklav’ zu sterben –Als Sklav’!“ und ächzend krümmt er Hand und Fuß –„Und sah doch, Rom, so nah’ schon dein Verderben,Ich, der ich dir getrotzt, ich – Spartacus!O Fluch dir, Fluch – du hast aus uns’ren KnochenDas Mark, aus uns’rem Leib die Kraft gezehrt,Wir sterben einsam – sterben ungerochen –Am Kreuz – im Tode noch von dir entehrt,Koloß der Frevel und des Übermuthes — “Er stöhnt es dumpf und schwer zur Seite fälltSein Haupt und heiße Tropfen rothen BlutesEntrieseln seinen Wunden – höhnisch gellt

Vom nächsten Kreuz des Geiers Pfiff dazwischen,Der bleiche Dulder aber hört es nicht;Sein Aug’ wird starr und Tod und Leben mischenVor ihm sich fieberhaftend zum Gesicht....

Bewegt die Eb’ne sich? Sind’s Menschen, Schemen,Die dort heranzieh’n, wirr und ungezählt?Ein Meer von Häuptern scheint’s heranzuströmen,In fremder Tracht, aus einer and’ren WeltUnd Zeit – Gestalten, deren mächt’ge GliederSo kraftgeschwellt, wie die am Marterholz,Doch auf den Lippen trotz’ge SiegesliederUnd in den Augen des Triumphes Stolz!Dumpf ächzt die Eb’ne unter ihren TrittenUnd endlos, endlos wallen sie heran,Zerbroch’ne Ketten klirren ihren SchrittenMusik und roth – blutroth ist ihre Fahn’!Und vor den blutbeträuften Kreuzen beugenSie tief sich, wie’s der Mensch vor Gott einst that,Und niederlächeln die verklärten ZeugenAuf ihres Blutes fleischgeword’ne Saat – – –

Aufschreit, in einem Taumel von EntzückenDer Sklav, so stolz, wie’s Cäsar nie gethanUnd stirbt, den Sieg in den gebroch’nen Blicken –Erschrocken fliegt der Geier himmelan....

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Italische Vignetten, S. 68–70, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ein öd’ Gefild“, Fassung 4.468.454 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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