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Versbuch

Gespenster des Palatin

Marie Eugenie Delle Grazie · 18641931

97 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1892

Wenn blitzend durch die Nacht die Sterne gehen,Dann steigt aus kühlem MarmorsarkophagAugustus – und ein Traum läßt ihm erstehenDas stolze Rom, das ihm zu Füßen lag.Und weiter noch, befreit von LeibesbandenUnd Fesseln dringt sein leuchtend Augenpaar,Nach allen Meeren schweift es, allen Landen,Die goldig einst umkreist der Römeraar.Der Ocean wiegt stöhnend seine Flotten,Eunuchisch bebt vor ihm das Morgenland,Und selbst der Cimbern ungezähmte RottenBedräut gewaltig des Erob’rers Land!Doch ob, was er mit so viel Blut gekittetAuch dauern wird, so festgefügt wie nun?Sein Ehrgeiz ist’s, der zu den Göttern bittet:„Laßt in die Zukunft einen Blick mich thun!Laßt einen meiner spätern ThrongenossenMich sehen und damit auch Rom’s Geschick,Ja, einen künftigen Cäsarensprossen,Ihr, E’wge, zaubert ihn vor meinen Blick!“

Augustus ruft’s: und sieh, mit einem MaleErglänzt vor ihm am stillen TiberstromGeheimnisvoll im blauen MondesstrahleDie hehre, künft’ge Marmorfürstin Rom!

Ihr Diadem: die Zinnen ihrer Mauern,Das Forum selbst ein leuchtend Gürtelband,Und wenn am Esquilin auch Helden trauern,Noch blickt der Palatin wie einst in’s Land!Wie einst? Ha nein! Wohl ist’s der alte Hügel,Doch prunkend reiht Palast sich an Palast,Als Führer dient die Pracht mit gold’nem Flügel,Doch ewig neu, gönnt kaum dem Blick sie Rast.Ein schimmernd Labyrinth von SäulenhallenWächst vor dem Aug’ des Staunenden empor,Und stolz, bezaubert will er sie durchwallen, –Da schallt ein dumpfes Stöhnen an sein Ohr,Und knirschend rast aus einem SchlafgemacheEin Jüngling, zerrt den Purpur schnöd’ nach sich,Sein gläsern Auge führt des Thieres Sprache,Von seinen Lippen schäumt der Wütherich – –Caligula!

„Ha, blutbefleckte Schatten,“Ergrimmt er – „laßt ihr noch nicht ab von mir?Ihr könnt mich hetzen, aber nicht ermatten –Ein Gott und Rom’s Gebieter steh’ ich hier!Hihi, du Priester, laß das grause Nicken,Mein Beil traf dich und nicht den Opferstier, –Ich that es mit Bedacht: aus MenschenblickenKlagt Schmerz und Geist – zu blöd stirbt nur das Thier!Und ihr, ihr Jungfrau’n all’, die meine LiebeUnd Grausamkeit zugleich genoß – o Spott!Was droht auch ihr so wimmernd, blaß und trübe?Nicht ungestraft umarmt man einen Gott!Ja, könnten sie mich jetzt mit Händen fassen,Mit Händen, wie ich, Cäsar sie noch hab’,All’ meine Opfer, all’ die blut’gen Massen,Die ich gethürmt – sie zerrten mich in’s GrabAllein das fasle ich als Thor: unsterblich

Gleich all den andern Göttern muß ich sein,Dem Tode unerreichbar, unverderblichUnd immer wach als Cäsar – doch – o nein!Was sag’ ich wieder? Nimmermehr! Beim NamenDes Stir! ich will ja eine einz’ge NachtNur wieder schlafen können – heil’ger SamenDes Schlummers, o erquick’ mich! lös’ die PrachtUnd faule Götterwürd’ von meinen Gliedern,Und dir allein will ich Altäre weihn,Und knechtisch Traumgott mich vor dir ermiedern,Vor dir, du Süßer, Grausamer allein!“

Er heult’s, aus seinen Augen stürzen Thränen,Er schluchzt und klagt, doch nimmer wird ihm Ruh,Und keine Nacht erfüllt sein brennend Sehnen;Da stürzt er schäumend seinen Gärten zu,Und über ihre marmornen GeländeSich beugend, schreit er nach der FlammengluthDes Morgenrothes, nach der TaumelspendeDes Mohns und dem, was Rom gekittet: Blut! –

Entsetzt und bebend steht der HeldenschattenAugust’s – doch was er auch an Schmach geseh’n,Nicht ließ es seinen edlen Stolz ermatten,Und heißer, inniger nur tönt sein Fleh’n:„Ihr Ewigen! wenn reine OpfergabenEuch je erfreut im Lauf des Zeitenstroms,Dann zeigt, eh Morgennebel mich begraben,Noch eines mir: Den letzten Cäsar Rom’s!“

Und sieh, da wächst mit leuchtendem GefunkelEin riesenhaftes Kreuz zu ihn hinan,Gleich einer Sonne strahlt es durch das DunkelUnd dorngekrönt starrt ihn der Heiland an –

Mit einem Schrei des Wahnsinns und der TrauerZerfließt des Cäsars bleiche Spukgestalt,Um Roma’s Hügel wehn die Morgenschauer,Ein wundersamer Glockenchor erschallt;

Und wie die Sonne nun zum ew’gen FesteDes Tages naht, vom Rand des Weltendoms:Zertrümmert liegen ringsum die Paläste,Und sieghaft glühn die tausend Kreuze Rom’s!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Italische Vignetten, S. 8-11, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Gespenster des Palatin“, Fassung 1.448.838 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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