Eine schimmernde Atlasfläche
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
36 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1892
1.
Eine schimmernde Atlasfläche, liegtIm Mittagssonnenbrande das Meer –Hier – dort und fernhin tanztAuf schäumenden WogenkämmenVerstreuter Lichtfunken blitzende Goldsaat,Und in den MalachitglanzDer schaukelnden Fluthen taucht,Eine badende Schönheit, das Lichtbild Neapels!
Wie dehnt und strecktUnd wiegt sie die blendenden Glieder,Die Zauberin! Wie lacht es mit tausend StimmenSyrenenhaft-koquett aus ihrer Brust!
Verdrossen und zürnend lauertZu ihr herüber der finstere Vesuv:Wie lang’ ach! und gern’ schon hätt’ erIn brünstiger LiebestollheitDen Schooß der Holden umarmt,Wie lang ach! und gern’ schonBewältigt ihre süße, feucht-frohe Schönheit!
Umsonst! Festschmiedete ihnEin grausam Geschick, und ausDer Ferne nur darf er genießen,Wonach ihm fiebernde GierDen Leib durchschauert....Sie aber –Sie jauchzt!Sie buhlt mit dem HimmelUnd kost mit dem Meer,Und ihre Kinder kletternAn seinen Lenden emporUnd schau’n ihm in’s Herz,In’s heiße, lava-blutende,Und lachen seiner verschwendeten GluthenMit ihrem Lachen: dem sonnig-hellen,Dem meergott-heit’ren Lachen Neapels!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 79-80, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Eine schimmernde Atlasfläche“, Fassung 3.724.900 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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