Frühling
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
25 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1892
Nun blühen am Tiberio die NarzissenUnd niederwallt ihr Athem mit der Luft,So heiß, wie einer brünst’gen Seel’ entrissen,Wie eines Brautgemach’s narkot’scher Duft –Nun blühen am Tiberio die Narzissen!
Sieh die Capresin dort! Im dunklen HaareNickt siegreich ihr der weiße Frühlingsstern:„Wenn diese wieder blüh’n im nächsten Jahre“,Sprach der Geliebte, „bin ich nicht mehr fern“ –Drum blühen die Narzissen ihr im Haare!
Und nahen fühlt sie ihn, in süßen Träumen,Korallen führt sein Schiff und Perlenfracht,Und von den Rudern sieht sie’s leuchtend schäumen,Wie Gold – da schreit sie auf, ach! und erwacht –Doch nahen fühlt sie ihn, in süßen Träumen!
Und nahen seh’ auch ich, in schwankem Nachen,Das Glück, von einem fernen Wunderstrand,Und durch die Luft klingt sein melodisch Lachen,Und ausstreck’ sehnend ich nach ihm die Hand:„O nimm mich auf in deinen schwanken Nachen!“
Nun blühen am Tiberio die NarzissenUnd hoch im Frühlingsrausche geht die Fluth –So nimm mich hin – ich will mit fortgerissenVom Taumel sein, verzehrt von deiner Gluth!Nun blühen am Tiberio die Narzissen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 130, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Frühling (Delle Grazie)“, Fassung 2.333.358 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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