Aus Amsterdam
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)
Nachdem ich den ersten und zweiten PreisGestern in einer Verlosung gewann,Und zwar einen Seehund und eine Matratze,Und nun nicht wohin damit weiß,Und weil mir hohnlachend jedermann,Dem ich das Zeug billig offeriere,Noch weniger bietet, nur weil man lebendige TiereNicht wie einen Regenschirm einfach stehn lassen kann,Und jeder von meiner Abreise weiß,(Denn der eine Gewinn – der zweithöchste Preis –Ist richtig lebendig und bellt wie ein Kalb)Die Matratze allein aber geb ich nicht hin,Aus Trotz meinetwegen. Und eben deshalbUnd weil ich heute so traurig binUnd ein Zündholz verschluckte und kurz und gut:
Mir ist heute so zum Sterben zumut.Du brauchst deswegen nicht ängstlich zu sein.Es hat ja noch Zeit.Nur merk dir bei dieser Gelegenheit:Wenn ich mal sterbe, ist alles dein,(Nach meinem Wunsch und von Rechtes wegen)Was ich besessen habe im Leben.Nur sollst du dann meinen drei liebsten KollegenFolgende kleine Souvenirs geben:Dem Degenschlucker Paul Speisel vererbeIch den krummen Türkensäbel mit Schärpe.
Der Lachsalvendaisy in Ingolstadt,(Die mir mal das Leben gerettet hat)Sende das Neue Plüschtestament.(Frage sie erst, ob sie mich noch kennt.)
Den Jupiter aus Papiermaché(Den kleineren mit den fehlenden Ohren!)Und sämtliche FachzeitschriftenbändeVermache ich den Gebrüdern Hoppé,Vogelstimmenimitatoren.Und drücke ihnen im Geiste die Hände.
Notiere noch (Motzstraße vierzehn, Berlin)Den Zauberkünstler René du Claude.Dem hab ich mal hundert Pesetas geliehn.Die schuldet er mir jetzt seit sechseinhalb Jahren.
Und mögen diese nach meinem TodeMir alle ein gutes Gedenken bewahren.Und dir, meiner Frau, einen ewigen Kuß.Doch laß mich nicht weich werden. – Also jetzt SchlußMit jeder Sentimentalität.Sei brav! Bleib mir treu! Und ich grüße dich.Sei sparsam und fleißig! Leb wohl! Es ist spät,Und die Kegelgesellschaft wartet auf mich.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Reisebriefe eines Artisten, S. 96, 97, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Aus Amsterdam“, Fassung 1.075.878 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.