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Versbuch

Das Terrbarium

Joachim Ringelnatz · 18831934

48 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1924

Das war meine Erfindung:Vor allen Dingen muß man die Tiere lebendig pressen.Anfangs kostet es Überwindung,Aber schließlich wird nichts so heiß gekocht wie gegessen.

Die Presse muß mindestens sechs Quadratmeter messen.

Meine Anlage war ein technisches Wunder;Riesensäle, um die getrockneten BestienÜbersichtlich hübsch an der Wand zu befestigen.

Denn ein geplättetes Nashorn ist keine Flunder.Wegen der Dickhäuter und et ceteraBrauchte ich selbstverständlich elektrische Kraft. –Doch ich speiste mit dem herausfließenden SaftSämtliche Waisenkinder von Zentralamerika.Ganz abgesehen von der Naturwissenschaft.

Manches läßt sich nicht beim erstenmal schaffen.Oftmals zappelt und zuckt noch der Hals,Wenn der Unterkörper schon platt ist, so bei den Giraffen.Und ich besinne mich eines noch schwereren Falls.

Um meine Sammlung zu komplettieren,Wollte ich auch einen Menschen so präparieren.Jene Miß Hamsy, die ich dazu erkor,War eine ernste, wohlgebaute Mulattin,Leichthin sommersprossig und Zollwächters Gattin.Und der setzte ich Arak mit Blumenkohl vor,Sagte, das sei Barbarossas Lieblingsgericht,Las ihr zwei Novellen von Freiherrn v. Schlicht.Bis sie langsam das Bewußtsein verlor.Als ich sie dann im Dunkeln entkleidet hatte,Legte ich sie behutsam tastend auf die untere Platte,Kurbelte an. Doch sie erwachte dabei.Aber ich suchte sie taktvoll bescheiden zu trösten:Wieviel schlimmer es wäre, lebendig zu rösten,Und daß die Presse nicht zu umgehen sei.

Nichts stimmt trauriger als ein menschlicher Todesschrei.Aber was bedeutet solch kurzer TonGegen die furchtbaren Greuel der Vivisektion!Und wie Miß Hamsy dann an der Wand die vierteHalle für Säugetiere und Eidechsen zierte,Hat ihr Anblick jeden Besucher gebannt.Die Kritiken hörten nicht auf sie zu loben.Bis sich schließlich die Popolaca erhoben.Diese Indianer haben das ganze Museum niedergebrannt.Alles haben mir diese Schweine gestohlen.Aus Miß Hamsy schnitten sie Mokassinsohlen.Was ein Barbar ist, hat weder Kultur noch Geschmack.Aber einen von ihnen erwischte ich später,Kochte ihn lebend mit Kienharz und Wasserstoff-Äther.Und den Kerl verbrauche ich heute als Siegellack.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Kuttel-Daddeldu, S. 44 und 47, Kurt Wolff Verlag, München, 1924
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Terrbarium“, Fassung 3.026.580 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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