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Versbuch

Der Bücherfreund

Joachim Ringelnatz · 18831934

49 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1928

Ob ich Biblio- was bin?phile? „Freund von Büchern“ meinen Sie?Na, und ob ich das bin!Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den andern LeutenWeiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten.Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.Bitte, doch mich auszureden lassen.Jedenfalls: Viel mehr, als mein RegalHalb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das gebenSie mir reichlich. Morgens zwölfmal nurNüchtern zwanzig Brockhausbände heben – – –Hei! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,Wenn ich je verreiste, stets vermissen.Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischenStandpunkt. Denn ich weiß die RückenSo nach Gold und Lederton zu mischen,Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessenMeine ungeheure Leidenschaft,Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,Und Sie fragen etwas reichlich frei.Auch bei andern Menschen als BarbarenGehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie? – ich jemals auch in Büchern lese??Oh, sie unerhörter Ese – – –Nein, pardon! – Doch positus, ich säßeAuf dem Lokus und Sie harrtenDraußen meiner Rückkehr, ach dann nurJa nicht länger auf mich warten.Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,Den man abseits ohne Zeit und UhrDüngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändigHandsigniert sind, soll man hoch verehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.Über Bücher kann man ganz befehlen.Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,Und die Seelen können sich nicht wehren.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Allerdings, S. 58–60, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Bücherfreund“, Fassung 3.026.623 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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