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Versbuch

Ausflug nach Tirol

Joachim Ringelnatz · 18831934

42 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)

Kann man das Jodeln wohlIn meinem Alter lernen?Nie war, wie in Tirol,Ich derart nah den Sternen.

Ich sah vom StripsenjochDrüben an steiler WandLeute aufs Totenkirchl kraxeln,Wahrscheinlich SachselnAus Hosenträgerland.Aber kühn und schön war es doch.

Was ich um Hochwürden dannSpäter in Sankt JohannSang, lebte und sprach in der „Post“,Schmeckte wie Herz am RostNach ausgegangener Hochtouristenkost.

Alm und Kuhstall, fette Weiden,Bärenwirt und Sennerin –Wo ich durchgegangen bin,Schien mir alles zum Beneiden.Nur die Wandervögel, dieEinem jede PoesieUnd den Appetit verleiden,Mocht ich meiden.

Alle Tiroler sindKeine Amerikaner.Wäre ich eine Mutter mit Kind,Ich nährte mein Kind mit Terlaner.

Im Kursalon in KitzbühelDa ist des Nachts der Sekt so kühel.Ich muß die Gäste loben,Die zur Musik dort obenSo vornehm tanzen und schweigen,Um ja nicht mehr zu zeigenAls ihre hochmodernen Garderoben.

Ich möchte ein wilder Gebirgsbach sein,Klar, schäumend, rauschend und blinkend,Unhaltsam kämpfend von Stein zu SteinMich an mir selber betrinkend.

Daß ich mein Kragenknöpfchen verlor,Kommt schließlich auch einmal anderwärts vor.Du, mein einziges Tirol,Lebe wohl! Lebe wohl!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Reisebriefe eines Artisten, S. 133–134, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ausflug nach Tirol“, Fassung 1.087.080 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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