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Versbuch

Aus dem Tagebuch eines Bettlers

Joachim Ringelnatz · 18831934

50 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1933

Ich klingelte. Ich bettelte um Brot.Um alte Sachen.

Ich beschrieb anschaulich die Not.Ich kann so eine jämmerliche Miene machen.Meine Familie sei teils hungrig, teils tot.

Nur ein kleines, hartes, verschimmeltes Restchen Brot,Womit ich eigentlich Geld meinte.

Der Herr verneinte.

Ich versuchte diverse Gebärden.Ich kann so urplötzlich ganz mager werden.Ich taumelte krank.Ich – stank.

Da wurde ich gepackt.

Fünf Minuten später war ich nackt.

In einer Wanne im BadBei dreißig Grad.

Ich weinte. – Ich wußte:Hier half kein Beteuern.Man fing an, meine KrusteHerunterzuscheuern.

Dieser Herr war ein Schelm.

Ich wurde auf die Straße gestoßen.Ich fand mich in schwarzen Hosen,Lackschuhen, Frack und Tropenhelm.

Ich fand kein Geld. – Mir wurde bang,Ich fand nur ein Trambahn-Abonnement.

Und ich ging auf die Reise,Fuhr mit der Sechzehn stundenlangImmer im Kreise.

Was halfen die noblen Sachen?

Ich bettelte. Probeweise.Ich kann so eine kummervolle Miene machen.Aber die Leute begannen zu lachenUnd die Haltestelle zu verpassen.

Ich sann auf einen Schlager.Ich wurde urplötzlich ganz mager.

Ich wurde gewaltsam aus der Trambahn heruntergelassen.

Da waren die Anlagen und GassenAuf einmal ganz traurig und fremd.

Als ich aus dem Pfandhause kam,Trug ich nur noch Hose, Barfuß und Hemd.

Ich mußte mir einen Anzug leih’n.Ich ging mit der Gräfin Mabelle,Die eigentlich eine BüfettmamsellIst und gesucht wird, in ein Hotel.Wir speisten: Hirschbraten mit Knickebein.Wir sangen zu zwei’n:„Wer hat uns getraut –. . .“Und zuletzt, ganz laut:„Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein . . .“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
103 Gedichte, S. 27–29, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
Digitalisat
de.wikisource.org — „Aus dem Tagebuch eines Bettlers“, Fassung 3.778.505 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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