Aus Breslau
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
23 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1933
Ach, liebe Kollegin. Du bist es nicht mehr.Nun bist du wirklich Bäuerin.Und deine Koffer stehen leer.Du glaubst nicht, wie ich hin und herUnd her und hinTraurig und glücklich darüber bin.
Ist da Wald, wo dein Häuschen steht,Und habt ihr eine Kuh?Und wer melkt sie? Dein Mann oder du?Ach das ist seit ewig und immerzuEin Wunsch, der auf meinem Kopfkissen steht.
Schreib mir doch alles ganz genau.Habt ihr auch Obst und Gemüse?Und trägst du im Stall nackte Füße?Und eine Schürze gestreift oder blau?
Und wenn du selbst deine Vorhänge ziehst,Dann, wenn die Sonne dich blendet.Du trinkst nichts, was man dir spendet.Ob du beim Melken sitzt oder kniest?
Aus Breslau über Berg und TalViel Grüße dir. – Nein, euch beiden.Und sage deinem Herrn Gemahl:Ich wäre nicht zu beneiden.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- 103 Gedichte, S. 66–67, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Aus Breslau“, Fassung 3.778.427 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.