Am Grabe der Mutter
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1909
Lieb’ Mütterchen, an deinem Grabe stehtDein Sohn, dein Liebling, wie du ihn genannt,Als noch gepflegt ihn deine weiche HandMit Mutterhuld, mit Mutterlieb’ und Treu. –
Du ruhest lange schon – ich unterdeßBin alt geworden und das Leben hatMit rauher Faust gewürfelt mich unstet,Wie auf der Tenne das Getreid’ der Wind. –
Durch Dornen schritt mein Fuß – wund und bestaubt,Ein durst’ger Wandrer ohne Born und Quell,Zog ich des Weg’s dahin, und öfters wardDer Pfad gesperrt mir von Geröll und Kluft. –
Ja, dornig war der Weg, und rauh und steil,Den ich gegangen bin – und wenn mir jetztIm Abendrot ein wenig Ruhe winkt,So ist’s die Rast nur vor dem letzten Gang. –
Doch immer, Mutter, gab dein Bild GeleitIn allen Stürmen mir – ich dachte deinIm Grau’n des Schachts, wenn krachend das Gebirg’Zusammenbrach – du warst mir Schutz und Schild. –
Und wenn ich jetzt an deinem Grabe steh’,Ein armer alter, lebensmüder Mann, –Zur Mutter wieder sonder Rast und RuhZieht’s mich mit allen Herzensfasern hin. –
Schlaf, Mütterchen! Vielleicht nur kurze Frist,Dann ruht dein Sohn zur Seite wieder dir,Wie vordem einst. – O, möge leicht und lindSein Schlummer auch, wie deiner, Mutter, sein! –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 17-18, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Am Grabe der Mutter (Kämpchen)“, Fassung 1.095.827 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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