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Versbuch

Sängerliebe

Heinrich Kämpchen · 18471912

100 Zeilen in 25 Strophen · zuerst gedruckt 1909

Don Giscardo, Graf von Alba-Spina,Herr zu Torre und Cronogle-Delta,Zog als Minnesänger durch die TälerDer Provence, seines Heimatlandes.

Die Provence hallte von den TönenSeiner Zither wider, alle BurgenSteckten Banner aus, und jeder SchloßherrWünschte Don Giscardo sich zu Gaste.

Mächtig war das Lied des Don Giscardo,Graf von Alba-Spina, Herr zu TorreUnd Cronogle-Delta, wenn er singendZog durch seine schönen Heimattäler.

Mächtig, wie das Läuten in den WipfelnAlter Eichen bei Gewitterstürmen –Süßer, denn das Buhlen linder Weste,Wenn sie durch des Südens Palmen ziehen. –

All’ die großen Sänger der ProvenceBeugten sich vor Don Giscardo, als er,Zitherschlagend auf der Burg von Toro,Seine Lieder sang vor Adelinen.

All’ die großen Sänger der ProvenceZogen flüsternd sich zurück im Saale,Als sie eine große rote RosePrangen sahen an der Brust Giscardos. –

Von dem schönsten Weibe war die Rose,Adeline gab sie Don GiscardoNach dem schönsten aller seiner Lieder,Die zu Frauenruhme er gesungen. –

Dunkle Augen suchten und sie fandenDunkle Blicke, die den Weg zum HerzenWeiter suchten und mit BlitzesschnelleAmors Band um Psychens Schultern wanden. –

Töne sind die heißesten BewerberUm das Herz des Weibes, trotzt es diesen,Wird es keinem andern Werber glückenEinzudringen in die keusche Seele. –

Adeline war Giscardos erste,Und Giscardo ihre erste Liebe –Solche unentweihte Herzen lodernBlitzschnell auf zu unlöschbarem Brande. –

Unlöschbar und selber sich verzehrend –Eines Sängers erste, einz’ge LiebeHilft nur schneller die Zerstörung reifen,Woran jede Dichterseele kranket. –

Don Giscardo liebte Adelinen –Wenn er lange in die feuchten SterneIhres Aug’s geschaut, so stieg er niederZu den Ufern der Garonn’ und weinte. –

Warum weinte Don Giscardo – RätselEiner Dichterseele, die im SehnenUnbewußt sich aufzehrt – AdelinenWurde trüber bei Giscardos Weinen. –

Warum weint Giscardo – wieder frag ich’s,Wieder tönt die Antwort: Zu den stillenWassern der Garonne zieht’s ihn nieder –Eine Dichterseele kennet niemand. –

Und auch Adelinen wurde trüber –Wenn sie in die feuchten AugensterneDon Giscardos schaute, sah sie drinnenNur die stillen Wasser der Garonne. –

Sängerliebe tötet sich im Sehnen,Denn die Muse rächt sich am EntweiherIhres Heiligtumes und sie senketTodesphantasien in die Seele. –

Eines Abends, Don Giscardo weinteWieder in der schmerzlich stillen Weise,Adeline senkte ihre LockenUnd sie netzten sich an seinen Wimpern. –

„Adeline,“ sprach er, „dieser AbendIst der letzte, Don Giscardo werdenDiese Nacht Garonnewellen decken,Adeline, willst du mit mir sterben?“

Und sie neigte tiefer ihre Locken,Wie das Kind beim Segensspruch der Mutter,Ihre Lippen küßten Don Giscardos,Ihre Geister hatten sich gefunden. –

Und sie stiegen bei des Mondes SchimmernAuf zum höchsten Schlossesturm von Toro,An dem Himmel glitzerten die Sterne,Dunkel lag der Spiegel der Garonne. –

„Adeline“, sprach dann noch Giscardo,„Willst du mit mir, kannst du mit mir sterben? –Unten rauscht das Wasser der Garonne,Kaltes Brautbett für die warme Liebe.“ –

Adeline schweigt, doch ihre BlickeSagen mehr wie tausend Rednerworte, –Adeline stirbt mit Guiscardo,Kaltes Brautbett wird die Lieb’ erwarmen. –

Heiter faßt Giscardo Adelinen –Einen Blick zum blauen Sternenhimmel,Und ein Sprung, ein Sausen in die Tiefe,Daß die Wasser der Garonne rauschen. –

Don Giscardo, Graf von Alba-Spina,Herr zu Torre und Cronogle-Delta,Lag mit seiner heißgeliebten DameAuf dem stillen Grunde der Garonne. –

Und der Schiffer, der hinüber setzetAn dem hohen Schlossesturm von Toro,Hört zuweilen noch Giscardo singen –Lauschet still und betet für den Sänger. –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Was die Ruhr mir sang, S. 153-156, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
Digitalisat
de.wikisource.org — „Sängerliebe (II Kämpchen)“, Fassung 2.344.725 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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