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Versbuch

Ein Winterbild

Rudolf Lavant · 18441915

65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(1889.)

Septembermild, o Jahr, gingst du zur Rüste.Es stockte nicht vor Frost das warme Blut;Vom Bodensee bis zu des Nordmeers KüsteFloß frei von Eis der Bäche rasche Fluth.Nicht schaarten fröstelnd um des Herdes BrändeUnd frierend sich, die gerne thätig sind;Es rührten emsig sich die fleiß’gen HändeUnd schafften rüstig Brot für Weib und Kind.

Mit lauen Lüften ging das Jahr zu EndeUnd kaum die Nächte brachten linden Frost;Doch feindlich immer ist die JahreswendeUnd eisig plötzlich wehte es von Ost.In Fesseln waren Bach und Fluß geschlagen,Die munter rinnenden, in einer Nacht,Und heim vom Baue ward die Axt getragen,Die wie bisher zu schwingen man gedacht.

Ein schlimmer Wechsel für der Arbeit Schaaren!Und starke Männer seufzen weit und breit,Ziehst du herauf mit Rauhfrost in den Haaren,Du unheilvolle, arbeitslose Zeit.Sie ist der Stärksten, Muthigsten Bezwinger,Denn mit der Arbeit mangelt es an Brot,Und tückisch klopft mit ihrem KnochenfingerAn ihrer Hütte Thür die bleiche Noth.

Es fehlt an Brot und Brot ist kostbar heuer.Es macht sich geltend, wenn der Nordwind schnaubt,Daß Brot und Mehl seit letzter Ernte theuer,Daß ihr durch Zölle sie emporgeschraubt.An unsern Grenzen lagern schwere Frachten –Wie sollten sie dem Volk willkommen sein,Indessen wir sie fern zu halten trachten!Das fremde Korn, wir lassen’s nicht herein!

Und wenn die junge Saat im Felde leidet,Weil sie kein Schnee mit warmer Hülle deckt –„Ich wüßte nicht, wie das in Fleisch uns schneidet,Die unser Geld in Gütern wir gesteckt.Im Gegentheil, wir würden Amen! sagen,Da es „gesunde Preise“ uns verspricht.Das Volk? Mein Gott, das Volk kann viel ertragenUnd über Nacht verhungert es uns nicht!“

So scheint es dem, der seine Zeit verlungertUnd, sanft gelangweilt, in Berlin flanirt.Doch wenn man auch allmälig nur verhungertUnd sich unmerklich aus der Welt verliert –Wer ließe je es als erträglich gelten,Dies Mühn und Ringen um ein Leichentuch?Wer knirschte nicht der besten aller WeltenMit fahlen Lippen einen Abschiedsfluch?

Gewiß, das Volk kann maßlos viel ertragenUnd stummes Dulden ist sein Element –Doch leider, leider hat es einen MagenUnd der ist radikal und konsequent.Der lässt kein X je für ein U sich machen,Der ist in seiner Art ein großes Licht –Er lernt im Handumdrehn die schwersten SachenUnd er vergißt vor allen Dingen nicht.

Glaubt mir, er wird den Sachverhalt erfassen,Den dieser Winter kurz und klar ihm bot –„Jenseits der Grenzen fremdes Korn in Massen,Diesseits der Grenzen bittertheures Brot.“Das wird euch bei der nächsten Wahl entreißenIm Reichstag manchen wohlgewärmten Sitz –Des Magens Knurren wird dem Volk beweisenIm Wahlkampf mehr als eurer Redner Witz.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ein Winterbild“, Fassung 3.714.031 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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