Nachruf an Wilhelm Müller
Gustav Schwab · 1792–1850
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Des Himmels Schützlinge, die SängerDer Erd’ und ihrer Lieblichkeit,Hieß das Geschick sonst gütig längerVerweilen in der flücht’gen Zeit.
Es gab den graugelockten GreisenDie junge Leier in den Arm,Und ließ sie Wein und Liebe preisenVon langer Spätlingssonne warm.
Doch dich, der an der Jugend BorneDie unerschöpften Lieder sang,Und lächelte, wenn nicht im ZorneDie Leier, Freiheit fordernd, klang:
Ach, warum riß vom Quell der Musen,Und aus der treuen Liebe Wacht,Und von des Herzensfreundes BusenDich früh die schwarze Mitternacht?
Wir fragen nicht – du warst der BoteVon eines Volkes Auferstehn,Gesandt noch vor dem Morgenrothe,Und bei der kühlen Lüfte Wehn.
Da hat dein Sang sich aufgeschwungen,Noch eh’ der Tag im Osten graut;Jetzt ist die Sonne durchgedrungen:Wohl dir, du hast sie noch geschaut.
Der Hauch in deinen Liedern lebte,Der einst Hellenenbrust geschwellt,Vor dem verklärten Auge schwebteDes Jugendvolkes Götterwelt.
Und deine Sendung war vollendet;Da trat aus der Gestalten ChorDer sanfte Jüngling, abgewendet,Mit der gesenkten Fackel vor.
Still griffest du zum Wanderstabe,Du zogst noch durch dein Erdenland,Und grüßtest auf dem Weg zum GrabeNoch manches Herz, das dich verstand.
Und schiedst, und ließest deine Lieben;Dein reicher Morgen war gelebt;Uns aber ist dein Lied geblieben,Das durch die Brust lebendig bebt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 114–115, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Nachruf an Wilhelm Müller“, Fassung 1.526.818 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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