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Versbuch

Hans Hemmling

Gustav Schwab · 17921850

219 Zeilen in 54 Strophen · zuerst gedruckt 1828

1.Aus Brügge reitet im NiederlandEin königlicher Held,Er ist der kühne Karl genannt,Ihm steht kein Feind im Feld.

Sein Auge schwarz und schlummerlosSchießt in die Ferne weit,Es sucht in der Alpen RiesenschoosDes frei’sten Volkes Streit.

Es glänzt sein Leibrock purpurrothVon Edelstein und Gold,Zög’ ihm den Einer ab im Tod,Der hätte reichen Sold!

Doch legt darum sein Panzer sichMit undurchdrung’ner Wehr,Zehntausend Lanzen fürchterlichSie starren um ihn her.

Der Fürsten und der Grafen SchaarUmringt ihn hoch zu Pferd,Und eines jeden Haupt fürwahrIst einer Krone werth.

Nicht seines Gleichen hat das HeerAn Zahl und Herrlichkeit,Es wogt an Glanz und Trotz ein Meer,Strömt über weit und breit.

Und wie des Herzogs Roß sich bäumt,Alle Rosse steigen in Lust,Und wie sein Herz von Siegen träumt,Glüht aller Ritter Brust.

Der prüft sein Schwert, der schwingt mit MachtDas Banner im Morgenwind,Mit seines stählernen Kleides PrachtBlitzt der die Augen blind.

So wallt vorüber mit leichtem FlugIn Gold und Stahl das Heer,Noch Einer reitet im letzten ZugDen drückt kein Panzer schwer.

Und in der Hand kein Schwert ihm blitzt,Der Waffen ist er baar,Und statt des Helms die Mütze sitztIn seinem schlichten Haar.

Doch schweift sein Blick so frei und hellWohl über den ganzen Schwarm,Es wohnt in seinem Aug’ ein QuellVon farbigem Leben warm.

Er sieht sich die Gestalten an,Als wären sie sein zumeist,Was er geschaut, in hellem WahnLebt’s fort in seinem Geist.

Und hättest du gefragt den Herrn,Den Herzog von Burgund:Wer reitet dir dort im Heere fern?Gesprochen hätte sein Mund:

„Ein kunstbegabter Meister ist’s,Er tauget nicht zur Schlacht,Doch hab’ ich gesiegt mit Hülfe Christ’s,So dient er meiner Pracht.

So dient er mir zu Ruhm und Ehr’,So glänzt an meiner WandDer Feinde Tod, mein mähend Heer,Mein Sieg, von seiner Hand.“ –

Und hättest du dann geschaut hineinTief in des Meisters Brust:O was für wonniger Farben Schein,Aufstrahlte dort in Lust!

Doch ist es nicht der wilde Krieg,Der kümmert wenig ihn!Doch ist es nicht des Herzogs Sieg,Den sein Geist läßt erblühn.

Ein and’res Leben entfaltet sichAus dieses Heeres Glanz,Ein ander Bild strahlt königlichGeziert mit and’rem Kranz.

Er trägt in seiner Brust die Welt,Die Keiner noch geschaut,Der als ein nied’rer ErdenheldDer Erdengröße vertraut.

Hans Hemmling ist’s, der Maler gut,An sel’gen Bildern reich;Die Andern schauen im Geiste Blut,Und hören des Schwertes Streich.

Sie treiben die Pferde mit wildem Sporn,Sie jagen durch Saat und Flur,Der kühne Herzog reitet vorn,Sie folgen alle der Spur.

2.Zu Brügg’ um Thor und MauerDa schweigt der Tag wie die stille Nacht,Da hat so finst’re TrauerDer lange, blutige Krieg gebracht.

Viel Ritter sind gesunkenIn der Berge Schlucht, in dem kalten Schnee,Viel Rosse haben getrunkenVon der kühlen Fluth im tiefsten See.

Es ritt durch Tag und NächteDer Herzog auf seiner ersten Flucht,Dann hub er die wunde RechteUnd prüft’ auf’s neue des Schwertes Wucht.

Und ist auf’s neue gezogenHinaus, zu rächen des Heeres Schmach,Und kommt kein Bote geflogen?Und sagt das Volk nicht die Kunde nach?

Und kehrt sich nicht die TrauerIn Siegesruf und Freudengelag?Der Wächter von der MauerEr spähet hinaus den langen Tag.

Da pocht zur AbendstundeZuletzt an’s Thor ein kranker Knecht;Es schleicht sein Fuß, von der Wunde,Von der Flucht in’s ferne Land geschwächt.

Die Lumpen, die ihn decken,Verkünden Jammer und eitel Noth,Die Glieder lähmt der Schrecken,Im Antlitz wohnt der blasse Tod.

„O Bote, voll des Leides!“Der Wächter von der Zinne schalt,„Das Heer vergaß des Eides,Fluch über deine Jammergestalt!“

„„Mein Amt war nicht zu schlagen,““Sprach d’rauf der Mann mit Herzeleid,„„Doch kann ich zeugen und sagen,Sie liegen Alle, getreu dem Eid.““

„So sprich, die vierzig Tausend?Sie mähet’ alle der wilde Sturm?“„„Ja nieder warf er sie brausend,Vor des Schweizers Speer und vor Nancy’s Thurm.““

„Weh mir! so mußt’ erbleichenDer Purpurrock des kühnsten Herrn?“„„Der hängt als SiegeszeichenSchon lang im hohen Münster zu Bern.““

„Den Herzog – hat ihn gerettetSein rabenschwarzes schnelles Pferd?“ –„„Das liegt im Eise gebettet,Das stolze Haupt zur Tiefe gekehrt.““

„Wo ward der Herr gefunden?O Knecht, so sprich! hast du kein Ohr?“„„Mich schmerzen meine Wunden,Mach auf, mach auf, du Wächter, das Thor!““

3.Es lag der arme kranke KnechtIm milden Haus geborgen,Lang sprach er irre von Mordgefecht,Vom letzten, blut’gen Morgen.

Er sah im wachen Traum die Noth,Den Schwarm der Feinde, der Raben,Die Banner gesunken, die Edlen todt,Den Herrn im Eis begraben.

Bis daß ein Schlummer lang und tiefSich seiner Qual erbarmte,Und was in ihm von Leben schlief,In Ruhe lind erwarmte.

Jetzt hebt sein Auge leuchtend sich,Auf springt er von dem Bette,Es fragt der Fremdling freudiglichNach Pinsel und Palette.

Die Diener sprechen: „KrankheitswahnHat ihm den Sinn verstöret!“Sie seh’n einander fragend an,Sie bringen, was er begehret.

„Nein Freunde, spricht er, es ist kein Traum!Gönnt mir das muthige Streben!Was ich erlebt, das war nur Schaum,Jetzt naht das wahre Leben!“

Und auf das öde Tuch mit Macht,Mit kühnen Pinselstrichen,Verbreitet er der Farben Pracht,Die heut noch nicht verblichen.

Hans Hemmling! tönt’s im Hospital,Hans Hemmling! auf den Gassen,Mit Bürgern füllet sich der Saal,Sie können das Glück nicht fassen.

„Das Heil will wieder mit uns seyn,Nicht alles ist verloren!Die Ehre stellet sich wieder einIn unsern schwarzen Thoren.“

Der Meister lächelt selig, still,Fährt fort und fort zu malen,Und immer größ’re Wonne willAus seinem Bilde strahlen.

Von fernen Burgen führt er herDie Kön’ge mit Geleite,Doch nicht mit wildem KriegesheerZu unheilvollem Streite.

Sie alle treibt ein frommer Muth,Nicht Feindschaft, die sich brüstet,Der Kleider hohe FarbengluthHat nicht der Stolz gerüstet.

Die Demuth wölbt den grauen Bau,Legt in die Krippe den Knaben,Und setzt zu ihm die sel’ge Frau,Und reicht ihm dar die Gaben.

Und Gottes Friede schwebet mildUm die geweihte Stätte,Der Meister steht vor seinem BildMit dankendem Gebete.

Das ist der Herr, das ist der Held,In dessen Dienst er lebet,Das ist die heilige Wunderwelt,Die stets sein Aug’ umschwebet.

Es zückt die Kraft ihm durch die Hand,Er wird in vielen BildernDas überird’sche Vaterland,Das höchste Leben schildern.

Und Meer und Ström’ und Berg und Thal,Was Herrlich’s er gesehen,Verklärt von seines Pinsels StrahlWird alles auferstehen.

In tausend Zügen wird er lichtDer Menschheit Bild uns malen,Und in Ein göttlich AngesichtVereinen alle Strahlen.

So schafft der Meister zu Gottes Ehr’,Es leuchten seine Werke,Wo blieb der Herzog und sein Heer?Der Stolz, der Glanz, die Stärke?

Hinunter muß der Erde PrachtIn düstern Grabeshügel,Das Aechte rettet aus der NachtDie Kunst auf ew’gem Flügel.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 232–241, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Hans Hemmling“, Fassung 1.563.959 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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