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Versbuch

Herzog Christoph und sein Schreiber

Gustav Schwab · 17921850

68 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Herzog Christophs KammerschreiberWar Franz Kurz, der Possentreiber,Obwohl im geheimen RathEr ganz ernst und sittig that.Auf dem Stühlchen saß er unten;Wenn die Herren Räth’ im bunten,Weiten Kreise saßen sinnend,Lange Reden floßen rinnend,Sah man flink ihn mit der zierenFeder still protokolliren.Keiner von den Herren dachte,Wie Franz Kurz im Herzen lachte,Wenn ein schiefes Wörtlein fiel;Rüstig lief sein Federkiel;Aber heimlich hinterdreinGab er’s preis bei’m Gläschen Wein.

Einmal doch, da ward’s ihm sauer,Als der Bürger und der BauerWard mit Worten arg mißhandelt,Recht in Unrecht gar verwandelt;Und die alten weisen MündeIhm die allerfeinsten GründeZudiktirten für die Lehre:Volk, wie Schaf, sey für die Scheere.Kaum hielt er die Sitzung aus;Und als Jeder ging nach Haus,Blieb er noch im Saale stehen,Das Geschrieb’ne durchzusehen;Stößt die Akten in die Scheide,Greift nach einem Stücklein Kreide;Von Muthwill’ und Zorn entbrannt,Schreibt er an die TafelwandMit großmächt’ger Schrift: „Ei nu!Es geht wunderlich hier zu!“Dann, die Akten in der Tasche,Will er wandern zu der Flasche.Auf der Treppe wird’s ihm bang:Einer über kurz und lang,Kann es lesen, und ein JederKennt die Züge seiner Feder.Ihn verlangt nach keiner Wäschen,Besser ist’s, es auszulöschen!So hinauf zum Saale wieder;Doch ihm rieselt’s durch die Glieder,Vor der Thüre macht er Halt,Sorglich blickt er durch den Spalt:Sieh! da tritt zur andern Thür –Weh! – der Herzog selbst herfür: –Meister Kurz steht auf der Schwelle,Wie am Eingang zu der Hölle;Durch den Spalt sieht er mit Schrecken,Wie der Herr die Schrift entdecken,Alsbald näher treten thät;Lesend davor stille steht.Und jetzt wird er auch sich drehen,Wird den argen Schreiber sehen;Dann fahr’ wohl du guter Dienst,Morgensuppe, Beigewinnst!Soll er fliehen, soll er bleiben?

Doch, was mag der Herzog schreiben,Der zur Kreide selber greift,Während er die Schrift durchläuft?„Es geht wunderlich hier zu!“Schreibest Kammerschreiber du!Und dein Herzog nimmt die Kreide,Sich zum Scherz, dir nicht zum Leide,Schreibt er bei in guter Ruh:„Und Franz Kurz hilft auch dazu.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 287–289, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Herzog Christoph und sein Schreiber“, Fassung 1.535.727 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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