Das Eßlinger Mädchen
Gustav Schwab · 1792–1850
96 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Melac, der Franzen GeneralMit seinen wüth’gen SchaarenGezogen kam durch’s Neckarthal,Gen Eßlingen gefahren.Und auf der Burg da sitzt er schon,Man hört ihn lachend sprechen,Wie er die Stadt zum Trotz und HohnAm andern Tag will brechen.
Er tritt zu äußerst auf den WallAm Pulverdampf sich labend,Der wolkig zieht, mit seinem SchwallDie ganze Stadt begrabend.Doch wie den Qualm zertheilt der Wind,Sieht er ein Häuslein stehen,Daraus ein schönes BürgerkindIn halbem Nebel gehen.
Er ist in welscher Glut entbrannt:„Das Mägdlein will ich haben!Es giebt in diesem SchwabenlandSo viele schöne Gaben;Mir will der Wein in diesem ThalSchier wie der heim’sche munden,Darum verlangt mein Herz zumalNach heim’schen Schäferstunden!“
Noch an demselben Abend stehtEin Herold vor den Thoren,Und an die Stadt sein Ruf ergeht:Will sie nicht seyn verloren,Soll sie alsbald die schöne MagdDem argen Dränger senden,Sonst raucht die Stadt, sobald es tagt,Von tausend Feuerbränden.
Der frommen Bürger Antwort hatIn gutem Deutsch geklungen:„Von einer freien ReichesstadtWird solches nicht bedungen;Wir gehen freudig in den FallWenn keine Seel’ verdorben,Und sterben uns’re Töchter all,So sind sie keusch gestorben!“
Der and’re Morgen dämmert still,Die Glocken alle schallen,Die Stadt als Eine Seele willGen Himmel betend wallen.Da schmückt sich bei der Glocke KlangDie Jungfrau auserkoren,Zur Kirche wallt des Volkes DrangSie wandelt nach den Thoren.
Auf geht die Pforte kaum berührt,War’s durch die Hand der Wächter?War’s Gottes Arm, der helfend führtDie reinste seiner Töchter?Durch Freund’ und Feinde frei sie geht,Die Magd mit stillem Tritte,Hinauf bis wo die Fahne wehtVon Melac’s Lagerhütte.
Gesprungen war er auf in Wuth,Weil ihn ein Traum betrogen,Der ihm von heißer Küsse GluthBetrüglich vorgelogen;Er wirft sich in die Waffen stolz:Sie sollen’s alle fühlen!Am dürren und am grünen HolzWill seine Brunst sich kühlen.
Wie er will schreiten aus dem Saal,Sieht er die Thüre gehen,Und mit dem ersten SonnenstrahlDie Jungfrau vor sich stehen;Mit ihrem Häublein spielt das LichtAls einem Heil’genscheine,Aus ihrem blauen Auge brichtDes deutschen Sinnes Reine.
Nicht Angst, nicht and’re Regung zücktDurch ihre schlanken Glieder,Die Brust mit frischem Strauß geschmücktWallt friedlich unter’m Mieder;Die Hände fromm gefaltet sind,Schlicht sind die blonden Locken,Sie schaut ihm, wie ein fragend KindIn’s Antlitz unerschrocken.
So deutscher Schönheit klares LichtEs leuchtet ihm entgegen,Auf sein geblendet AngesichtMuß er die Hände legen.Gehemmt ist ihm das welsche WortAuf seiner schnellen Zungen,Es zieht ihn rückwärts, treibt ihn fort,Hat ihn auf’s Pferd geschwungen.
Hinaus mit seiner Schaar in’s ThalJagt’s ihn weit in die Ferne,Als fürchtet’ er den BlitzesstrahlAus ihrem Augensterne. –Die Glocken sind noch nicht verhallt,Da wandelt zu den ThorenHerein die fromme Magdgestalt,Siegreich und unverloren.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 260–263, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Eßlinger Mädchen“, Fassung 2.229.814 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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